molochronik

»Eine andere Welt« (13) — Kap. XI: Eine Reise in den April von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 719Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

XI. Eine Reise in den April.

Erfinden heißt Reisen.
Aus den Briefen eines Verstorbenen.
Im April pflanz’ Deinen Kohl
Und hüt’ Dich vor deinen Freunden wohl.
Wetterregel des illustrierten Almanachs.

Wie Puff sich gezwungen sah, der Erfindung von künstlichen Gemüsen zu entsagen, und eine sehr lange Reise auf dem Papiere machte.

Attila stirbt, erstickt in seinem Bette an den Folgen einer Indigestion {= Verdauungsstörung}, und die Herrschaft der Welt entschlüpft ihm; ein vorrüberschreitender Esel weidet die Distel ab, und die Pflanzen bleiben unter dem Joch der Menschen. An solchen Fäden hängt das Geschick der Staatsumwälzungen!

Philosophische Betrachtungen nähren die Seele, aber nicht den Leib. Das begriff Puff sehr wohl, als er das Haupt der Verschworenen vom Kinnbacken eines Esels zermalmen sah, und dachte nun darüber nach, was er beginnen solle, da es mit dem künstlichen Gemüse Nichts war. Da fiel ihm plötzlich ein, dass er in den schönen Wissenschaften noch Nichts unternommen hatte. Von der theoretischen Kochkunst bis zur Nationalliteratur ist es nur ein Schritt. Die Reisebeschreibungen sind in der Mode, Reisebriefe, Reiseblätter, Reisenovellen, sagte Puff: schreiben wir Reise-Papyrus; das ist ein prachtvoller Titel, er hat so etwas Geheimisvolles! Das bringt mir schon ein Mittagsessen ein. Den Titel habe ich, jetzt nur noch einen Verleger und das Buch ist fertig.

Wenig Tage nachher zeigten schon alle Leihbibliotheken als vorrätig an:

Reise-Papyrus
Ausflug in den April.
Von Piff-Paff-Puff,
Doctor der Weltweisheit und der Waidmannskunst.

Wir wollen unseren Lesern das Leihgeld sparen und ihnen einige Capitel aus diesem interessanten Werke gratis mitteilen.

Sieben und dreißigstes Capitel.
Die Fischnovelle

Was lockst Du meine Brut?
Goethe.

Noch viel practischer als die Regenschirmstöcke sind die Eisenbahnstöcke auf Reisen. Wenn man müde wird von der zu raschen Bewegung, so nimmt man die Schienen unter den Füssen fort, klappt sie zusammen, steckt sie in das elegante Stockfutteral, stützt sich darauf und wandelt behaglich weiter, seine Eisenbahn in der Hand haltend. So machte ich es heute Morgen, um ganz nach Gefallen den Krümmungen eines Flüsschens mit blumenreichen Ufer in dem von mir neu entdeckten Tale, zu folgen.

Mich meinen Träumen hingebend kam ich auf dieser Wanderung endlich an ein natürliches Wehr, wo das Wasser von Klippen herabstürzte, um sich klar und durchsichtig in einem Becken zu sammeln. Plötzlich hörte ich lautes Gelächter in meiner Nähe; ich verbarg mich hinter einem Schirm von Pappeln und Weiden und wollte von hier aus den Faun belauschen, der die Najade verfolgte. Es war mir interessant die Mythologie auf der Tat zu ertappen, und ich hielt mich daher ganz still.


Aber — wer beschreibt mein Erstaunen! — ich erblickte statt der Faunen eine Bande lustiger, geschwätziger Fische, die das Sprückwort: »Stumm wie ein Fisch«, Lügen straften.

»Fressen Fische Könige?«, rief ich mit Müllners längst verschollenem Yngurd aus, als ich die schuppige Gesellschaft — dies Mal in der größten Stille — ihre Angelhaken mit Köder versehen in das Wasser werfen sah.

In weniger als einer Minute zog ein junger roter Fisch seine Angel herauf, an deren Ende ein hübsches Weibchen zappelte, das eine Diamantnadel schon mehr als halb verschlungen und sich daran gefangen hatte. Ich richtete nun die Blicke auf den Teich und sah ihn voll Männer und Frauen, deren Bewegungen ich bei der Klarheit des Wassers genau beobachten konnte. Sie schnappten sämmtlich gierig nach dem Köder, der ihnen hingehalten wurde und sehr verschiedenartig aus Orden, Epaulettes, Goldbörsen, Titeln, Ehrenzeichen bestand, nach welchem sie aber mit wahrem Heisshunger bissen.

Jetzt wurde ich inne, dass ich mich in einem verzauberten Walde befand; das Laub waren harte Taler, die Früchte Goldbarren. Ich hoffte nun menschliche Vögel und Schmetterlinge mich umflattern zu sehen, aber meine Gegenwart verscheuchte sie wahrscheinlich.

Nach Verlauf von einer halben Stunde waren die Fische mit ihrem Fange fertig; sie füllten die Körbe, schulterten die Angelruten und zogen fort, und bald trug nur noch das schwache Echo den Refrain des bekannten Chors aus der »Stummen von Portici« zu mir her:

Still, still!
Dem Meertyrannen
Gilt die kühne Jagd!

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Molos Wochenrückblick No. 55

Eintrag No. 717 — Brutale Woche. Erstens, weil ich kein Sonnenmensch bin und die Invasion des Sommers entsprechend nicht zu schätzen weiß. Die zwanzig Minuten Regenschauer, mit denen ich am Sonntag beglückt wurde, waren mir zu wenig. — Zweitens, weil zwei meiner Kollegen von Krankheit darniedergerafft wurden und ich sechs Tage Dienst hinter mir habe. Dadurch blieb weniger Zeit zum Lesen, Daddeln, Stöbern und entsprechend wenig Links gibt es diese Woche.

Aber: Andrea hat mir von ihrem letzten Kurzaufenthalt in Italien ein hübsches Anti-Atomkraft-Shirt der ›Legambiente‹ mitgebracht. Zu sehen ist der Venezianische Löwe im Simpsons-Stil, mit drei Blinky-Augen und der Pfote auf einem Atommüll-Fass (statt dem Buch der Stadt).

Lektüre: Immer wenn ich besonders wenig Zeit und Nervenstärke fürs Lesen erübrigen kann, greife ich auf die exzellente Hörbuchfassung von Neal Stephensons »Barock-Zyklus« zurück. Im Lauf der letzten Woche habe ich das zweite Drittel dieses gigantischen Werkes, Band 2 »The Confusion«, zu Ende gehört und bin weiterhin äußerst entzückt davon, wie gekonnt Simon Prebble den Roman vorträgt. — Kurze Hörprobe gibt es bei ›Audible‹.

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In zwei Tagen unterwegs weggeschlürft habe ich das neueste auf Deutsch bei Tropen erschienene Buch von Douglas Coupland: »Marshal McLuhan. Eine Biographie«. Dazu muss ich sagen, dass ich (bisher) kaum eine Ahnung von McLuhan hatte, außer, dass er in den Sechzigerjahren prophetische Bücher über unsere moderne Medienwelt geschrieben hat. Natürlich kenne ich die zwei Aussagen von ihm, die zum fixen Fundus eines jeden Bullshit-Bingos zum Thema moderne Medienwelt gehören:
1) »Das Medium ist die Botschaft« (gemeint ist laut Coupland: »der augenscheinliche Inhalt sämtlicher elektronischer Medien ist unerheblich und das Medium selbst hat eine viel größere Auswirkung auf die Umwelt und Konsumenten«);
2) »Die modernen Medien machen die Welt zu einem globalen Dorf« (gemeint ist: »elektronische Technologien sind eine Ausweitung des menschlichen Zentralnervensystems und die kollektiven Nervenleitungen unseres Planeten bilden eine einzige blubbernde, diffuse, quasi-fühlende, rund um die Uhr akrive Meta-Community«). — Coupland bereitet das Thema kurzweilig und doch eigenwillig auf. Seine Art, sich eher wie ein Objektkünstler dem Schreiben zu widmen ist offenkundig, wenn er wie bei einer Collage Anagramme, Internet-Auszüge und Zitate zu einem großem Gedankenbild anordnet. Zudem traut er sich, seine sehr persönliche Sicht auf McLuhan anzubieten, was das Buch zu einer weniger verkopften Angelegenheit macht, als man bei dem Gegenstand befürchten mag. — Wichtig ist Coupland unter anderem, dass die körperliche Verfassung, vor allem die dies Gehirns, zum Verständnis der Besonderheit eines Denkers wie McLuhan ist. Ein Beispiel dafür (wie auch für Coupland persönliche Färbung) liefert eine Fussnote auf Seite 61, bei der ich Tränen gelacht habe:

Halloween 1988 habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Im Dezember lief ich durch einen Schneesturm, nieste wie noch nie zuvor in meinem Leben und hatte danach einen Gewebeklumpen in der Hand, der aussah wie eine kernlose grüne Weintraube. Durchzogen von blutigen Äderchen. Ich war natürlich mit den Nerven am Ende und lief sofort zum Arzt, der mir erklärte, ich solle dankbar sein, »Immerhin ist es jetzt draussen«.

Hier geht es zu den ersten 26 Seiten des Buches als PDF-Leseprobe.

Hier ein Schmankel zum Kennelernen von McLuhan ein vierteiliges Youtube-Video (genauer: Tonmitschnitt) eines Vortrages. Leider ist nicht angegeben, wo und wann McLuhan diesen Vortrag gehalten hat, wahrscheinlich irgendwann in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre. Man bekommt einen guten Eindruck, warum McLuhan als provokaten Thesen verbreitender Prohet und fesselnder Redner galt: Marshall McLuhan - Address to Author's Luncheon (1 von 4).

»L. A. Noire« für die Playstation 3.Spiel: Freund David hat bereits gemeldet, dass ihn »L. A. Noire« enttäuscht hat, er aber gespannt ist, wie ich dieses Spiel finde. Ich hatte bis Sonntag noch Dienst, und damit nicht wie David die Möglichkeit »L. A. Noire« in kurzer Zeit durchzudaddeln. Vielleicht ein Vorteil, denn die knappen Sessions, die ich bisher als Kommissar Phelps im Los Angeles des Jahres 1947 verbachte, haben mir sehr gut gefallen. — Okey, es dauerte einige Zeit, bis ich mich an den Stil des Spieles gewöhnt habe. Bei den bisher von mir gespielten Rockstar-Titeln (der moderne Gangster-Kracher »GTA IV« inkl. seiner beiden Erweiterungen und das Spätwestern-Epos »Red Dead Redemption« inkl. der Zombie-Erweiterung) konnte ich weitestgehend frei Schnauze durch die Welt eiern und viele unterschiedliche Dinge abseits der Haupt- und Neben-Geschichte(n) anstellen. Deshalb gelten diese Spiele auch als ruhmvolle Beispiele für das ›Open World‹- oder ›Sandbox‹-Spiel-Genre. Im Gegensatz dazu verschleiert »L. A. Noire« kaum, dass der Spieler auf einem ziemlich gradlinigen Pfad durch die Geschichte gelotst wird. Zudem kann man sich nicht wie in bisherigen Rockstar-Welten nach Herzenslust benehmen. Als Gesetzteshüter ist man angehalten, keinen Sach- oder Personenschaden anzurichten. Kein chaotisches Remmidemmi also, was durchaus schade ist. Allerdings wird dieser ›Makel‹ (für mich) wieder mit der Athmosphäre und Geschichte ausbalanciert. Das Spiel macht auf mich, trotz der ein oder anderen humorigen Nuance, einen erstaunlich reifen und erwachsenen Eindruck. Der Ton und die Figurenzeichnung von »L. A. Noire« sind sozusagen die Umkehrung von »GTA IV« und »Red Dead Redemption«: bei den beiden Vorgänger dominierte deftige, mitunter zynische Satire den Gesamteindruck, und hie und da eingestreute ernste Facetten erinnerten an die grimmigen Tatsachen der realen Welt, die dem Weltenbau der Spiele zugrundeliegen. Bei »L. A. Noire« wird man als Ermittler Phelps Stück für Stück in die unangenehme Position bugsiert, hilflos zu durchschauen, dass man als Handlanger der politisch gut vernetzten Übeltäter einen Unschuldigen nach dem anderen als Sündenbock einbuchtet. — Ich bin schon gespannt, wie die ganze Geschichte ausgeht.

Nachtrag: Freund Volker B. hat in seinem Blog ›Random:Notes‹ mehrere Einträge zu »L. A. Noire« geschrieben: einmal seine allgemeinen Eindrücke nach der ersten Spielsitzung: L.A. Noire (I); für die Website von T-Online dann diese (auch oben beim Cover des Spiels verlinkte) Rezension Der Tod in der Stadt der Engel; und wieder in seinem Blog diesen quirligen Bericht einer längeren Session in etwa aus der Mitte des Spieles: L.A. Noire (III) – jetzt mit +++ Liveticker +++.

Netzfunde

  • Ich sammle ja Anthologien. 1) Weil die sich vorzüglich eignen, Kenntnisse zu erweitern, unnützes Wissen anzuhäufen & sich neuen und unbekannten Themenfeldern zu nähern; 2) Weil mein Anthologie-Vorrat mich davor bewahrt, nicht zu wissen was ich lesen soll, da Anthologien prima Lesekitt zwischen zwei Büchern sind. — Zu meinen Lieblingsanthos gehört »Eyewitness to History«, herausgegeben von John Carey, Avon Books 1990 (US-Augabe von »The Faber Books of Reportage«, 1987). — Zwar hatte ich noch nicht viel Zeit zum Stöbern, finde es aber doll, dass man diese Anthologie-Idee auch ins Internet übertragen hat: EyeWitness to History (Augenzeugen der Historie).
  • Peter Bürger hat für ›Telepolis‹ einen fünfteiligen Artikel über den römisch-katholischen Männerbund verfasst: Die große »Mutter Kirche« und ihre Söhne.
    Apropos: Hat zwar nichts mit Bürges Artikel, aber mit Kirche und Christen zu tun. Was mich wundert ist deren großes Schweigen dieser Tage. Im »Spiegel« und anderswo wurde vergangene Woche berichtet, wie ein altbekanntes Hamburger Versicherungshaus Mitarbeiter mit einer Runde Ringelpiez mit Anfassen in Prag ›belohnte‹, kurz: ‘ne Sexorigie auf Kosten des Hauses. Ist einerseits eine feine Art der Belohnung, gleichzeitig schweißen solche gemeinsame ›verruchte‹ Erlebnisse zusammen und machen erpressbar. Angeblich sollen Belohnungs-Veranstaltungen dieser Art verhältnismäßig verbreitet sein (was ich mir durchaus vorstellen kann und für wahrscheinlich halte, auch wenn ich nicht glaube, dass viele Firmen solche Veranstaltungen übers offizielle Konto abrechnen). — Was mich nun völlig verdutzt, ist, dass kein Christenprediger, die sich ja sonst gerne mal in alles mögliche populistisch einmischen, hierüber ein Wort äußert. Oder ich hab’s nicht mitbekommen?
  • Zu den Autorinnen, die ich außerordentlich schätze, über deren Bücher (z.B. »Schiffsmeldungen«, »Mitten in Amerika« und die Sammlungen mit Kurzgeschichten aus Wyoming, deren bekannteste wohl »Brokeback Mountain« ist, verfilmt von Ang Lee) ich aber bisher noch nichts in der Molochronik geschrieben habe, gehört die Amerikanerin Annie E. Proulx. Hier bei ›Slow TV‹ habe ich ein Video gefunden, in dem sie mit dem australischen Autor Tim Flannery über die Wechselbeziehung zwischen Wissenschaft und Kunst plaudert: Science is the new art. Ist anfangs etwas zäh, aber wenn Proulx und Flannery anfangen, von ihren Naturerlebnissen zu erzählen, wird es hochspannend.

Zuckerl

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Molos Wochenrückblick No. 53

Eintrag No. 715 — Nachdem ihr letzte Woche wegen meiner Verballertheit bis Donnerstag auf den Rückblick warten musstet, hab ich mich gesputet, diese Woche aber ganz sicher gleich am Dienstag, bevor ich zur Arbeit aufbreche, den dieswöchigen Rückblick abzuschicken (05:54 Uhr).

Lektüre: Vorgestern »Embassytown« beendet. Wahnsinns-Teil. Soweit ich im Moment abschätzen und sagen kann vielleicht mein Liebslingsbuch von China Miéville neben »The Scar« und »Iron Council«.

Netzfunde

  • Mein Held der Woche! Auch wenn die Sache ziemlich sicher versanden wird, beruhigt es mich, dass der Hamburger Arbeitsrichter Heinz Uthman Anzeige wegen (öffentlicher) Billigung von Straftaten gegen Kandesbunzlerin Merkel erstattet hat, wie Daniel Kummetz für die ›Taz‹ berichtet: Ein Jurist erregt sich.
  • Georg Seeslen hat wieder in seinem ›Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn‹-Blog zugeschlagen: Das Ästhetische und das Politische (I) und Weitere Bemerkungen über das Schöne.
  • Meine (ich glaube) erste Verlinkung auf einen der ›SpOn‹-Blogger, natürlich Herrn Georg Diez (Der Kritiker), der in seinem Beitrag Träumen von »Xanadu« wunderbar über die Miesheit deutschen Fernsehens schreibt (Hervorhebung einer besonders gelungenen Analogie von Molo):
    Die Kombination von Verachtung und Feigheit, mit der die deutschen Fernsehmacher ihr Publikum betrachten, hat dabei durchaus politische Konsequenzen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen vertieft in seinem Fiktion-Bereich die gesellschaftliche Spaltung, die es in seinen Polit-Magazinen beklagt. {…} Es ist eine ZDFisierung der Verhältnisse, die das Land in Seher und Nichtseher teilt.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Da ich derzeit ja nicht zum Rezischreiben komme, beruhigt es mich, dass ich auf Anubis’ Begeisterungs-Meldung in seinem Blog ›Lake Hermanstadt‹ zu China Miévilles vorletztem Roman »Kraken« hinweisen kann

Zuckerl

  • Tito hat in den 60ern und 70ern (unter anderem) Denkmale errichten lassen, um an Schlachtfelder oder Konzentrationslager des 2. Weltkrieges zu erinnern. Hier eine Auswahl mit 25 Jugoslawischen Monumenten, die ›Crack Two‹ zusammengestellt hat.
  • Hier eine Mappe des Künstlers Ramil Aliyev. Wunderschöne Bleistiftarbeiten, Illustrationen und Konzeptentwürfe für Filmprojekte: Orientalische Fantasy.
  • ›Ads of the World‹ stellt eine grenzgeniale Plakatkampagnie aus Litauen vor, für das Buchgeschäft Mint Vinetu (macht einen feinen Eindruck, das Ladenlokal). Mit bisher vier Motiven ermuntert die Werbeangentur ›Love Agency‹ aus Vilnius dazu, mal jemand anders zu sein: Mary Shelleys Frankenstein, Shakespeares Hamlet, H.G. Wells Unsichtbarer, und Cervantes Don Quixote.
  • Hier ein kleines Spiel, das kaum mehr ist als ein Reaktionstest, aber schön gestaltet und superblutig: Spike - A Love Story von Matzerath, vorgestellt von ›Newgrounds‹.
  • Eine historisch-satierische Photostrecke zum Thema U.S.-Spezialeinheiten, genauer Cats of War haben Holly Allen und Christopher Beam für ›Slate‹ zusammengestellt.
  • Dieser Mann ist wahnsinnig, aber das lässt ihn schöne Dinge machen. Einblick in seinen Arbeitsprozess gewährt der Künstlers Florian Bertmer in seinem Blog. Beispiele seines Könnens, die mir sehr sehr taugen, sind dieses Call of Cthulhu-Motiv; — dieses Hellboy-Filmposter; — und dieser Greebo.
  • Völlig Gaga, und ich glaube der erste Hinweis auf einen Font hier: das ›This is Colossal‹-Kunstblog stellt den Font Handschrift José Ernesto Rodriguez vor. Man nehme einen Kopierer, seine Hände und bringe seine Finger so in Stellung, damit man alle Zeichen bekommt, die man braucht. Erinnert an Schmelzvetika (oder wie der Font damals hieß).
  • Wenn Pixar-Animatoren bloggen, bzw. wenn sie Muttertags-Witzebild-Glückswunschkärtchen zeichnen, wie das Austin Madison, das er in seinem Blog ›Austin Translation‹ herzeigt: Alien Muttertag. Zum Quietschen schön!
  • Noch ein doofes Daddel-Zeug von ›Newground‹: Reimagine the Game. Im Grund eine Reihe kleiner Parodien auf bekannte Filme, Appleprodukte, Sängerinen usw., aber eben nett & gut gemacht.
  • Zum Abschluss das Schockigste. — Kaum zu fassen! Es gibt ein eigenes Blog zum Thema Tiere mit ausgestopften Tieren.

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»Eine andere Welt« (12) — Kap. X: Revolution im Reich der Pflanzen von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 714Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

X. Die Revolution im Reiche der Pflanzen.

Auf Gurken! Zu den Waffen!
Neue Marseillaise.

In diesem Kapitel werden die Pflanzen aus dem revolutionären und gemüsigen Gesichtspunkte betrachtet.

Dr. Puff an Krack von Krackenheim

Lieber Getreuer! Dein erhabenes Manuscript ist mir ohne Tintenfleck und die Flasche ohne Sprung angekommen. Du findest hier die Denkschrift beigeschlossen, die ich der Neugöttlichen Akademie über Deine Entdeckungen überreicht habe, so wie einen genauen Bericht von dem, was sich mit mir seit Deinem Untertauchen zugetragen hat. — Ich bitte Dich, meiner Abhandlung über die unterseeischen Rassen freundliche Aufmerksamkeit zu widmen; ich führe in derselben Deine Ansichten über das Vorhandensein einer eigenen Tierfamilie, welche die Mythe des Altertums gekannt hat oder der diese vielmehr ihren Ursprung verdankt, weitläufig aus. Die Tritonen und Nereiden find Proben existierender Gattungen, welche nur momentan verloren gegangen sind; die Constatierung dieses Factums wird uns bei den Männern der Wissenschaft den größten Ruhm erwerben.

In diesem Augenblicke bin ich damit beschäftigt, die Liquidation meines Hauses für physiologische Verkleidungen abzuschließen; dies Geschäftchen hat hübsche Procente getragen; es war eine glückliche Idee, die ich Dir verdanke; der bereits realisierte Gewinn setzte mich in den Stand, den Januar und einen Teil des Februar ganz behaglich hinzubringen; um mich während der Fastenzeit durchzuschlagen, sinne ich jetzt auf eine neue Speculation; aber, wie soll man an seine kleinlichen Interessen denken dürfen, wenn man die Übel in das Auge fasst, welche die Menschheit bedrohen!

Ein ganzes Naturreich empörte sich! Das ist die grässliche Neuigkeit, die ich Dir mitzuteilen habe.
Du kennst meine Liebe für den Gartenbau, diese Erholung aller großen Seelen; auf meinem Fensterbrett stehn zwei Monatsrosen und eine Fuchsia in Töpfen. Dank meinem gründlichen orientalischen Studien, die Blumensprache ist mir geläufig. — Neulich nun, als ich mich meinem hängenden Garten näherte, um die Fortschritte und Wirkungen des Frühlings zu beobachten, belauschte ich das Geheimnis einer Verschwörung, deren Loosungswort der Westwind von einem Kelche zum anderen trug; einen besseren Mitverbündeten konnten sich die Blumen wahrlich nicht gewählt haben.

Das Volk (der Samenkapseln) steht auf, der Sturm (der Staubfäden) bricht los gegen die Menschheit. Treibhaus und Krautgarten reichen sich die Hand, bald werden die Glasglocken zum Sturm läuten; der Geist der Verschwörung hat sich in alle Kelche geschlichen, die Sonne und die Rache machen alle Pistille ausschwellen. Die Artischocke wetzt stillschweigend ihre Stachelspitzen; die Melone bereitet sich eine Schaalenrüstung, die dem schärfsten Messer Trotz bietet; ich hörte einen Chor von Gurken singen:

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!
Wer legt noch die Hände feig in den Schoß?
Pfui über die Buben dort an den Spalieren,
Mögst Du durch Urban† getroffen erfrieren!
Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht.
Eine treue Rebe umarmt Dich nicht.
Eine blecherne Gießkann’ erquickt Dich nicht,
Ein ehrlicher Spaten häufelt Dich nicht.
Stoßt mit an! Mann für Mann!
Wer sich emporranken kann!
{Bezieht sich wahrscheinlich auf Urban einen Wetterzauberer im tirolischen Pustertal des 17. Jahrhunderts.}

Als ich dies vernahm, machte ich eine botanische Exkursion und brachte eine ganze Kapsel voll Kleinigkeiten mit; heimliche Schauer durchzogen die Beete mit jungen Bohnen; ein verdächtiges Flüstern verbreitete sich vom Kopfsalat bis zum Spinat und von diesem drang es weiter zur Cichorie und zum Sellerie. Die Verschwörer erwarten das Signal zum Aufstande.

Eine Königskerze, geschworene Feindin aller Empörungen, und eine loyale Immortelle, eine begeisterte Freundin des Bestehenden, haben mir alle Einzelheiten des Complots vertraut. Eine ganz gemeine Pflanze, aus den niedrigsten Klassen der Botanik stammend, kurz eine obscure ranglose Distel hat den rechten Plan ausgeheckt und sich an die Spitze der Revolution gestellt; nur Leute, die Nichts zu verlieren haben, sind begeistert für gewaltsame Umwälzungen.

In das Geheimnis eingeweiht, begab ich mich nun an den Versammlungsort der Verschworenen. Hier überzeugte ich mich, dass die Pflanzen schon lange eine geheime Verbindung organisiert haben, welche in Kränzchen, Sträuße und Girlanden zerfällt; diese Klassification, von der die Polizei eben so wenig ahnt, wie es Linné und Jussieu taten und Schleiden und Endlicher jetzt tun, flößte mir eine hohe Meinung von der politischen Bildung der Verbündeten ein.

Nichts ist so gefährlich wie ein Volksredner aus dem Volke; das hat mir die Distel recht deutlich bewiesen. Die Versammlung war vollzählig, alle Klassen des Pflanzenreiches hatte ihre Repräsentanten gesandt. — Der Catilina der Blumenwelt durchlief mit seinen Blicken die Reihen der Anwesenden und redete dann zu ihnen wie folgt:

Bäume und Sträuche, Büsche und Pflanzen!
Blätterreiche Mitverschworene, geliebte Geschwister!

»Der Augenblick ist da, den Händen unserer Unterdrücker Spaten, Hacke und Hippe zu entreißen. Wir wollen uns nicht mehr von ihnen, nach ihrem Gutdünken, beschneiden und anbinden lassen, wollen nicht mehr eine gezwungene und noch obendrein gemischte Ehe mit einem uns fremden Pfropfreis schließen. Die Pfropfschaft ist noch tausend Mal hassenswerter und unmoralischer als die Leibeigenschaft, gegen welche sich das feige Menschengeschlecht selbst so oft empört hat.«

Zeichen des Beifalls unter den Zuhörern.

»Vergissmeinnicht, erhebt Euch aus Euren weichlichen Träumen! Rosen, Nelken, Veilchen, Jasmine, entsagt Euren entwürdigenden Liebschaften, legt Eure bunten Festkleider ab, wappnet und rüstet Euch, wenn Ihr wollt, dass der Mensch künftig nicht mehr aus Euren edelsten Säften unreine Essenzen, verhasste Waschwasser, schmierige Pomaden bereite! — Und Du, Gemüse, redliches, fleissiges, kinderreiches Volk, wirst Du es noch länger dulden, dass man Dir Dein Liebstes, Deine Kleinen, schon in zartester Jugend raube, um sie im Übermut als erste junge Erbsen, junge Bohnen zu treffen!«

Eine Zwiebel vergießt heftige Tränen.

»Für die Erstgeborenen der Artischocke — unglückliche Mutter! — ward die Folterqual der Pfefferbrühe und des Backens in Teig von den Allesverzehrenden ersonnen. Hört das Klagegeschrei der Opfer, die aus dem tiefen Grunde der Kasserolen Euch beschwören ihre Rächer zu werden!«
Schauer und Zähneknirschen unter den Zuhörern.

»Mohnköpfe, wacht auf aus Eurem Schlafe, es geht Euch an den Kopf!«

»Und Ihr, aufkeimende Champignons, die man so grausam der heimatlichen Erde des friedlichen Mistbeetes entreisst, statt der den Feinschmeckern so angenehmen Säfte entquelle Euch künftig ein tödliches Gift. — Euch aber, geliebte Pfeffergurken, verdammt das grausame Menschengeschlecht nicht allein zu der ewigen Hölle des gläsernen Kerkers, es zweifelt auch an Euren geistigen Kräften.«

Murren auf der Bank der Pfeffergurken.

»Ich frage Euch, Ihr Melonen, wollt Ihr Euch auch ferner so ruhig schlachten, Euch, Ihr Radiese, wollt Ihr Euch immer so roh behandeln, Euch, Ihr Zuckerrüben, wollt Ihr stets mit Haut und Haaren Euch kochen lassen?«

»Nein, meine Freunde! So darf es nicht bleiben; der Zorn, der Euch entflammt, bürgt mir dafür. Zu den Waffen, Ihr Sprossen des Pflanzenreiches! — Mögt Ihr siegen oder fallen, Unsterblichkeit wird Euch zu Teil. Die Trauerweide wird Tränen über der Ruhestätte der Toten vergiessen und die Cypresse am Grabe ihren Ruhm den Überlebenden verkünden, den Ruhm derer, die da tapfer starben für Freiheit und Vaterland.«

Nach dieser Rede trennten sich die Versammelten, aber die höchste Begeisterung erfüllte jedes Einzelnen Brust. Die Spargel trugen den Kopf noch ein Mal so hoch und selbst der Kürbisse kaltes Innere durchflammte des Freiheitsdranges lodernde Glut. Der Taback allein blieb seinem gewöhnlichen Indifferentismus {= Gleichgültigkeit} getreu; die ganze Rede hindurch liess er seine Pfeife nicht ausgehen.

Wenn die Zwietracht sich nicht unter die Verschworenen schleicht, so ist es um unsere Küche geschehen. Aber die Moose und die Farnkräuter sonderten sich bereits ab und bildeten einen eigenen politischen Club. Zwischen der Runkelrübe und dem Zuckerrohr kam es bereits zum Zweikampf und die — leider nur zu späte — Dazwischenkunft der Mohrrübe vermochte allein die erbitterten Gegner zu trennen. Die Runkelrübe wäre sonst ganz erlegen und der Bürgerkrieg ausgebrochen.

Was rät man mir zu tun? Soll ich die menschliche Gesellschaft in Kenntnis setzen von den geheimen Umtrieben, die die Kochkunst in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen? — Nein, ich schweige — und erfinde ein Surrogat für das Gemüse. —

Was hälst Du von der Idee?

Doch ich vergesse, geliebter Krack, dass Du aus so weiter Ferne mir nicht zu antworten vermagst, und wähne mich immer von Deinem teuren Geiste umschwebt. — Beeile Dich indessen, mir die Flasche baldigst wieder zu senden, die ich der Courierpost des Weltmeers anvertraue.

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Molos Wochenrückblick No. 44

Eintrag No. 705 — Der Auszubildenden unseres Betriebes erste Lektionen in er Kunst des höheren Sprach-Blödsinns vermittelt. Man nehme eine Sache und verknüpfe sie mit einer Tätigkeit. Beides darf nicht zueinander passen. Die Kombo sollte nach Möglichkeit zudem ein extra unsinniges oder gar unmögliches Bild vor dem geistigen Auge heraufbeschwören. Aus der Erinnerung fallen mir noch folgende Beispiele ein:
Ich gehe mal ein paar Pflastersteine aufblasen.
… mal eine U-Bahn bügeln.
… Gurken dressieren.
… Sockenlöcher stapeln.
… Autounfall föhnen.

An der Uni für höheren Blödsinn kann man entweder als ›Dr. jux‹ oder ›Dr. wirr‹ abschließen.

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Lektüre: Lese wie besessen Mervyn Peake. Habe in der letzten Woche sowohl den dritten und (aus dem Nachlass von Peakes Frau komplettierten) vierten Band seiner ›Titus‹-Bücher, sowie die Titus-Novelle »Boy in Darkness« gelesen. Großartige Bücher, bei denen es mir schwer fällt, auf den Punkt zu bringen, was ich an ihnen so toll finde … genauer: es ist schwer, die Vorzüge der Bücher von Peake so zu benennen, ohne dass man klingt, als wolle man eigentlich schwache Werke verteidigen. Die ›Titus‹-Bücher (auch bekannt als ›Gormenghast‹) lassen sich mit den gewöhnlichen Bewertungs-Markmalen, die heutzutage populär sind, schlecht fassen.

(Inzwischen finde ich die Umschlagsgestaltung der neuen Ausgaben so schrecklich, dass ich überlege die Schutzumschläge wegzuwerfen. Auf dem Cover von Band 3 – dem violetten Band – beispielsweise ist ein Ritter auf nem Zombiepferd zu sehen, und im ganzen Buch taucht so eine Figur nicht auf! Ich finde, man darf verlangen, dass ein Umschlagsgestalter den Stoff, den er illustrieren soll, gefälligst zumindest aufmerksam querliest!)

Ach ja: da fällt mir ein, dass ich jüngst eine heftige Abneigung entwickle gegen die Feststellung bei Buch- oder Filmkritiken, die (Haupt)Figuren einer Geschichte wären keine Sympathieträger, mit denen man sich identifizieren könne. Kritiker und Schreibhandwerk-Ratgeber behaupten ja, dass es wichtig sei, sympathische Figuren zur Identifikation anzubieten. Ich finde das empörend flach, zudem hält man damit das Publikum für doof. — Was wichtig ist, sind Figuren die nachvollziehbar sind. Sympathisch müssen sie nicht sein. Im Gegenteil: bestimmt finde nicht nur ich es spannend und unterhaltsam, wenn unsympathische Figuren gut dargestellt werden.

Netzfunde

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Wortmeldungen

  • Habe Klaus Jarchow in seinem ›Stilstand‹-Blog ob seiner Nervenstärke komplimentiert, da er es schafft, ganze Jan Fleischhauer -Texte zu lesen und anschließend auseinanderzunehmen.

Zuckerl

  • Jetzt muss ich auch mal auf die süßen und sehr lustigen Zeichentrickffilme von Simon Tofield hinweisen: Simon's Cat. Mein Lieblingsfilm ist »Fly Guy«.
  • Das Blog von Florian Kuhlmann: original kopie fälschung wirklichkeit lüge wahrheit collage und das netz.
  • Goodnight Dune von Julia Yu.
  • Nette Wertung der Verfilmungen von P. K. Dick-Geschichten bietet ›io9‹: Every Philip K. Dick Movie Ranked from Best to Worst von agentorange.
  • Dank eines Hinweises von Simifilm im SF-Netzwerk wurde ich auf diesen Text von Anja Jardine aufmerksam, die für das ›NZZ Folio‹ mit Liebhaber -- Blem, blem, stun blem über einen James Joye-Lesezirkel (um Meister Fritz Senn!) schreibt, der sich gegenseitig »Finnegans Wake« vorliest und über dieses seltsame Buch diskutiert.
  • Zum Schluss der Trailer eines Filmes, auf den ich erst am Wochenende aufmerksam wurde: »Super«, einem weiteren Beitrag zum Thema ›normale‹ Menschen wollen Superhelden sein (siehe »Kick-Ass« und »Defendor«). Große Hoffnungen mache ich mir, weil der exquisit durchgeknallte Rainn Wilson (bei uns vielleicht am bekanntesten als Arthur aus »Six Feet Under«) hier mit dem Spruch »Halts Maul, Verbrechen!« (»Shut up, crime!«) aufmacht, seine Freundin Liv Tyler (sic!) von Kevin Bacon zurückzuerobern. Ellen Page und Nathan Fillion sind auch mit dabei. Wird bei uns wohl nur auf Festivals und DVD/Blue Ray erscheinen.

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Molos Wochenrückblick No. 42

Eintrag No. 702 — Diesmal mit weniger Links, dafür um so mehr Kultur-Meldungen aus dem Haushalt.

Zitat: Gefunden am letzten Dienstag als Tagesspruch des diesjährigen »Raben«-Kalenders. Wunderschönes auf den Punkt bringen der tatsächlichen Entwicklung einer erfolgreichen Wirtschaftsform.

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden!
Capitalism is the astounding belief that the most wickedest of men will do the most wickedest of things for the greatest good of everyone.
— John Maynard Keynes (zitiert von Michael Alpert in »Moving Forward: Programme for a Participatory Economy« {2000}, wahrscheinlich eine Paraphrase eines Satzes von Sir George Schuster in »Christianity and human relations in industry« {1951})

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Lektüre: Vergangene Woche habe ich drei ›kleinere‹ Werke geschafft.

Lewis Carroll (Text) & Mahendra Singh (Illustrationen): »The Hunting of the Snark«Nummero Eka: Schon in Wochenrückblick No. 17 empfohlen, mittlerweile ist’s erschienen, wurde endlich von mir bestellt und verköstigt: die von Mahendra Singh illustrierte Ausgabe von Lewis Carrolls unsterblicher Ballade »The Hunting of the Snark«. Das klassische Non-Sense-Poem von Carroll aus dem Jahre 1876 gehört zu meinen Allzeit-Lieblingstexten. Wem die Originalfassung zu schwer ist, dem sei die Übersetzung von Klaus Reichert ans Herz gelegt (die Insel Taschenbuch-Ausgabe ist zweisprachig und enthält auch die klassischen Illustrationen von Henry Holiday).

Was Mahendra Singh geschaffen hat, ist nichts weniger eine fruchtbare Comic-Neudeutung dieses Klassikers als proto-surrealistisches Meisterwerk. Immerhin schafft Carrolls Non-Sense eine den Ambitionen vieler Surrealisten ähnliche Stimmung, nämlich eine ungewöhnliche, vielleicht sogar befreiende traumdurchwirkte Sicht auf die Wirklichkeit anzuregen, und so tummeln sich in Singhs fein, fast schon fragil gezeichneter Fassung Anspielungen auf Klassiker wie Salvador Dali, Alberto Savinio, Giogio de Chirico und (meinem speziellen Liebling) René Magritte, aber auch solcher Kunstschaffenden, die sich später von Carroll und den Surrealisten inspirieren ließen, wie den Beatles, Douglas Adams und George ›Krazy Cat‹ Herriman.

Lewis Trondheim: »Nichtigkeiten 1 – Der Fluch des Regenschirms«, Reprodukt 2011.Nummero Deux: Seit ich den ersten Comic von ihm gelesen habe (das war 1998 »Die Fliege«), wurde der bemerkenswert produktive Lewis Trondheim zu einem regelmäßigen Aufheiterer meines Lebens. »Nichtigkeiten 1 – Der Fluch des Regenschirms« ist 128 dick und liefert tagebuchartige Einseiter-Gägs, unter anderem übers die Anschaffung von Katzen; die Verleihung des großen Comic-Preises; Reisen nach Edinburg und die Insel Réunion; Herumfuchteln mit ‘nem Spielzeug-Laserschwert und mannigfaches Grübeln über Zufall, Schicksal und die eigene berechtigte oder doch nur außer Rand und Band geratene Paranoia.

Am meisten mit-›gelitten‹ habe ich, als Trondheims seine Ernüchterung schildert, nachdem er mit seinem Sohn »Alien« geguckt hat. Der elfjährige Filius hängt gelangweilt auf’m Sofa, der Film geht an ihm vorbei und so stellt er ununterbrochen Fragen wie »Sind sie gelandet?«, »Wer ist der Boss?«, »Spielt der Film jetzt nur noch im Raumschiff?«, »Wieso hat der Robotor so ‘ne weiße Flüssigkeit?« und »Wieso ist es denn so dunkel?«. — Trondheim daraufhin: »Hätte ich mit 11 ›Alien‹ gesehen, ich wäre bis ans Ende meiner Tage traumatisiert gewesen.« — Und der Sohn rennt befreit davon auf der Jagd nach was zu naschen.

Charles Portis: »True Grit«, Rowohlt Taschenbuch 2011.Nummero Three: Es war zuvörderst eine Laune des Augenblicks und weil ich vergessen hatte, mir etwas zum Lesen mitzunehmen, weshalb ich letzten Mittwoch im Bahnhofs-Buchladen zur deutschen Ausgabe von Charles Portis’ »True Grit« gegriffen habe; dann natürlich, weil in den kommenden Tagen die (Neu-)Verfilmung durch die von mir geschätzten Coen-Brüder anläuft und ich ab und zu gerne checke, welche Entscheidungen beim Umsetzten von einem Medium ins andere getroffen wurden; und schließlich, weil ich eine Schwäche für Western-Geschichten habe.

Ich verkünde folgendes nicht leichtfertig, denn es ist ein Urteil, das nur wert hat, wenn man es selten ausspricht, aber dieser schmale Roman ist makellos … ma-kel-los. Keine Zeile zuviel die stört, ablenkt, sinnlos rumhängt oder auf unnötige Abwege führt; keine Zeile zu wenig (also es fehlt nix wesentliches, keine wichtigen Fragen bleiben offen). Einfach perfekt, wenn die Erzählerinnen-Stimme der vierzigjährigen alten Jungfer Matti sich an ihre Jugendzeit erinnert, als sie vierzehn-jährig loszog, um die Heimführung der Leiche ihres Vaters zu organisieren, der von seinem angetrunkenen Farmhelfer im Suff und SpielverliererZorn erschossen wurde. Und da sie schon unterwegs ist, heuert Matti den herum- (und ein wenig herunter-)gekommenen Marshall Rooster an, um den ins Indianerterretorium geflohenen Mörder zu fassen.

Etwas verärgert, aber überwiegend amüsiert haben mich folgende Zeilen zum Buch aus der ›Literatopia‹-Rezension von Angelika:

Dennoch aber muss der geneigte Leser leidlich feststellen, dass Mattie so gar nichts kindliches mehr an sich hat. Im Gegenteil. Charles Portis präsentiert seine junge Heldin sehr kalt und bestimmt und lässt sich damit die Gelegenheit entgehen, einen zerbrechlicheren Charakter vorzuzeigen, der vielleicht berührbarer gewesen wäre. So jedoch ist es bedauernswert, dass diese sonst sehr bestechende und furios wirkende Handlung niemals wirklich emotional werden will und damit ebenso ein bisschen oberflächlich wie kurzweilig bleibt.
Das verrät viel über die Leserin und wenig über die Güte des Buches. Man ›kann‹ einem Buch vorwerfen, das es nicht liefert, was man gerne hätte oder erwartet. Man sollte sich aber vielleicht vor dem Urteils-Äußern fragen, ob man nicht am Buch vorbeigelesen, z.B. in diesem Falle übersehen hat, aus welcher Lebenswelt Matti kommt und wie sie von dieser geprägt wurde; warum sie von ihren Mitmenschen als ungewöhnlich angesehen wird (frühreif, stur, unsentimental, helles Köpfchen, zäh, religiös streng, belesen); dass Matti durchaus ein paar wenige Male weint. Man achte allein auf Mattis inniges Lobpreisen eines wesentlichen Helden des Buches, dem Cowboy-Ponny Little Blackie! — Wie dem auch sei, hier noch mein liebster Matti-Spruch (Seite 167):
{I}ch {…} hatte keine Lust, mich auf ein Wortgefecht mit einem Betrunkenen einzulassen. Was hast du schon erreicht, wenn du einen Narren besiegst?

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Film: Einmal geliehene DVD, einmal Kino mit Andrea.

»snatch – Schweine und Diamenten«»snatch – Schweine und Diamanten«
Der erste Film von Guy Richie, den ich gesehen habe, war seine Neuauflage der Abenteuer von Sherlock Holmes, mit der ich durchaus zufrieden war. Sein zweiter Film, »snatch – Schweine und Diamanten«, wurde mir im Laufe der Jahre von vielen Bekannten empfohlen. Ganz ehrlich: ich habe den Eindruck, dass der Film wenig mehr tut, als auf einer Welle zu reiten, die von Tarantinos »Reservoir Dogs« und »Pulp Fiction« losgetreten wurde … auch wenn »snatch« das besser macht, als so manch anderer Flick, der uns die raubeinige Welt von Gangstern als chaotische, brutale und groteske Abenteuerwelt unterjubeln will. Die Inszenierung ist flott, die Handlung um den Diebstahl eines fetten Diamanten hinreichend verknäult um zu unterhalten, und das Spiel des Ensembles so lustvoll und deftig, dass ich über die Belanglosigkeit des Ganzen gerne hinwegsehe. Erstaunlich, wie solide Jason Statham agiert. Die größte Wonne bereitete mir Alan Ford als schmieriger Gangsterboss Bricktop.

Fazit: Netter Film für Zwischendurch, gut für eine Handvoll Schmunzler, auch wenn er mir zu berechnend cool daherkommt. — 6 von 10 Punkten (= Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel).

»The King’s Speech«»The King’s Speech«
Wieder einmal bringt sich eine Geschichte als Oscar-Kandidat in Stellung, die uns davon erzählt, wie ein gehandicapter Mensch mit seinem Defekt zurande kommen muss. In diesem Falle ist es der Stotterer Bertie, der wider Willen und unerwartet Thronfolger wird, und zum Beginn des zweiten Weltkrieges gefälligst meistern muss, via Radioansprachen seinen Untertanen Inspiration und Mut zu spenden, im Kampf gegen Hitler und Stalin. — Der Film schwelgt deutlich zu verliebt im Ambiente des ›good old England‹, was ich aber verzeihen kann. Immerhin erzählt »The King’s Speech« ganz effektiv davon, wie sehr Menschen mit der ihnen aufgebürdeten Stellung, der Rolle die sie einnehmen müssen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Zwängen zu hadern haben. Als jemand, der als Kind und Teen unter Stress gestottert und gelispelt hat, fand der Film, trotz seiner offensichtlichen Kalkuliertheit, mit mir ein wohlgesonnenes ›Opfer‹. — Das alles hätte schwer daneben gehen können, wenn nicht die beiden Hauptdarsteller (Colin Firth als sprachgestörter Prinz, und Geoffrey Rush als unkonventionell-fortschrittlicher Sprachtherapeut), und die sie unterstützende NebendarstellerInnen, hier nicht wahrlich meisterlich auftrumpfen würden.

Fazit: Berührende Studie einer Milieu-Zwänge überwindenden Männerfreundschaft; zudem auch anschauliche Darstellung, wie sehr das Selbstwertgefühl und Ansehen eines Menschen von seiner Sprache abhängen.— 8 von 10 Punkten (= Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend).

Netzfunde

  • Zu den Artikeln der diesmonatigen Ausgabe von ›Le Monde Diplomatique‹, die jetzt schon im Netz nachzulesen sind, gehört Die Bahnhofslektion — Das Beispiel Stuttgart 21 und die Grundlagen der Demokratie von Lutz Wingert. Wunderbar, wie darin mittels einer längeren Analogie phantastisch geschildert wird, in welcher Art von Schein-Demokratie wir leben:
    {…} Restaurant-Demokratie {…}: Vorzugsweise am Wahltag äußern die Bürger ihre Wünsche. Der Kellner in Form einer Partei nimmt sie entgegen und trägt sie in die gut abgeschirmte Küche. Dort halten die ministeriellen Köche gerne Rücksprache mit den meist privatwirtschaftlichen Experten über Grundlage und Zutaten des Menüs, je nachdem, ob es sich um ein Menü in Sachen Gesundheit, Finanzmarktregulation oder Stadtentwicklung handelt. Nach der Vorspeise werden Umfragen im Gästeraum des Bürgerpublikums gemacht und an die Kellner gemeldet. Wem die dann servierten Entscheidungen nicht schmecken, der kann beim nächsten Mal andere Wünsche anmelden oder sich an andere Kellner wenden.
  • Eine feine Zusammenfassung der weltpolitischen Entwicklungen bietet dieser Vortrag von Noam Chomsky, dem großen alten Herren der US-eigenen Landes-Kritik, gehalten am 25. Januar an der Universität von Tennessee.
  • ›Telepolis‹ beglückt uns mit einem langen Artikel von Tom Appelton, der mit Im (sic!) Anfang war das Bild das Werk von Robert Crumb erläutert, insbesondere dessen Bibel-Umsetzung »Genesis«.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl
  • Eine wunderbare Spielerei, eine Art interaktives Blödsinn-Comicfilmchen, liefert Motiza von ›baboon‹. Alles beginnt stets von Neuem mit einem Samenkorn. Doch was machen damit? Es in einen Blumentopf pflanzen oder von einem Vögelchen fressen lassen? Viel Spaß mit dem Erkunden der Möglichkeiten (freut Euch über das Hasi!)
  • Passend zu meinem letzten ›Fetzenschädel‹-Eintrag kann man bei antville-Kollegen pheake darüber abstimmen, wie ›Copy-Karl‹ zu Guttenberg am besten zurücktreten sollte.

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Molos Wochenrückblick No. 40

Eintrag No. 698 — Gibt wenige Berufsfelder, die ich so innig ver- und missachte wie die Werbewirtschaft. Wurde wieder mal daran erinnert, warum. Bin gestern von einem Trupp, die einen Werbespott für eine Fernost-Automarke drehen, übern Tisch und am Nasenring herumgezogen worden. Kommen zwei nette Menschen an, und fragen ganz lieb, ganz sanft, ganz harmlos, ob sie »ein paar Aufnahmen aus der und der Richtung da und da hin machen können, geht auch ganz schnell«. Geworden ist daraus das Aufbauen von Dollywagenschienen für eine Kran-Kamera, in Beschlag nehmen eines Innenhofes von 20 Metern Durchmesser mittels mehrerer großer Scheinwerfer und Lichtschirme, und gedreht wurden ganze Szenen mit mehreren Darstellern. — Moral: Traue niemals Leuten, die mit Geld wie Heu um sich werfen, und die sich eigenes Catering bestellen, wohin sie auch gehen.

David Foster Wallace: »Unendlicher Spass«, Taschenbuchausgabe.Lektüre: Habe immer noch meine Freude mit David Foster Wallace und seinem Roman »Unendlicher Spass«. So etwas wie eine Handlung ist zwar noch nicht in Sicht, höchstens zu ahnen. Von den ersten 20 Kapiteln stehen die meisten als kleine Vignetten für sich, einige andere bilden einen ersten Komplex um die Familie Incandenza. Es geht um Schüler einer elitären Tennis-Schule; um einen Kiffer, die nun aber wirklich zum allerletzten mal Tage durch-knartzen will; um eine Kifferin, die im Selbstmordtrackt einer Psychatrischen mit ihrem Arzt spricht; um einen Gesundheitsattache, der sich entspannen will beim Dauerglotzen eines ominösen Filmes namens »Unendlicher Spass«, und der dabei verhungert.

Netzfunde

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Es ist wieder soweit! Auf den Websiten der Wiener Tageszeitung ›Der Standard‹ gibt es die neueste Science Fiction- & Fantasy-Rundschau: Der Lichtschein am Ende des Wurmlochs von Josefson. — Diesmal mit Rezensionen zu Büchern von James Tiptree Jr. (übersetzt von Frank Böhmert), L. E. Modesitt, Jr, George R. R. Martin, Daryl Gregory, Gavin Smith, Jetse de Vries, David Moody, Michael McBride, Walter Jon Williams, Christoph Lode, Rob Grant, Paolo Bacigalupi, sowie einer begrüßenswerten Polemik gegen Bequemlichkeit und Einerlei des Fantasy-Marktes, und einer Empfehlung von Scott Westerfelds & Keith Thompsons »Leviathan«
  • Holger M. Pohl zieht für ›Fantasyguide‹ in seiner neuesten Kolumne, Glashaus, über Kritiker her, die sich über Schlampigkeiten und Fehler von Büchern mokkieren, aber selbst mit Fehlern nicht sparen. Ich fühle mich ertappt, denn genau das mache ich ja auch zuweilen. Dazu zwei Hinweise: eine Fehlermeldung als solche büßt ihre Kraft ja nicht ein, wenn die Person, die den Fehler meldet, selbst zu Fehlern neigt; und vergessen wir nicht das ›Salieri-Syndrom‹, wenn man selbst nicht gerade mit überragendem Genie gesegnet ist, aber zumindest über soviel ›Können‹ verfügt, um hohe Güte, oder eben Makel zu erkennen.
    (Anmerk: Wem der Begriff ›Salieri-Syndrom‹ so gar nix sagt, möge sich den Film »Amadeus« von Milos Foreman ansehen.)
  • Nochmal Georg Seeßlen, der die meiner Meinung nach bisher lesenswerteste Rezension zu »Tron Legacy« geschrieben hat: Das elektronische Reenactment. Zwar begegnet er dem Film mit einer ziemlichen Milde, aber der leichte Spott gefällt mir.
  • Gefunden über das ›Lake Hermanstadt‹-Blog von Anubis: Daniel Zalewski hat für den ›New Yorker‹ ein ausführliches Portrait des mexikanischen Filmemachers und Erz-Phantasten Guillermo del Toro verfasst: Show the Monster.
  • Dank (!!!) an Stephan Johach, der mir mitteilte, dass ›Locus Online‹ auf diesen langen und guten Text des ›Guardian‹ hinwies: When Hari Kunzru met Michael Moorcock.
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Zuckerl
  • Diesen Link widmte ich dem Empfindungspiraten, denn ich musste bei diesem betrunkenem Oktopus von ›Boing Boing‹ an seine »ich kann nicht, wenn einer guckt«-Reihe denken.
  • Ein kurzweiliges Handels-Spiel für Zwischendurch bei ›Newgrounds‹: Wer wollte nicht immer schon mal Opium billig in Bengalien kaufen, teuer in China verscherbeln, dafür billig Tee in China kaufen und damit die Engländer der viktorianischen Epoche glücklich machen? Bitteschön, dann versucht es mit High Tea, einem wunderschönen kleinen Handels-Spiel von ›Preloaded London‹.
  • Da ich heute schon meine Verachtung für Werbung im Allgemeinen zum Ausdruck bracht, hier zum Ausgleich ein mir wirklich sehr gut gefallener Werbeclip, im Grunde die Verfilmung eines bekanntes Witzes. Weiß nicht mehr, wie ich auf diesen Werbeclip mit schönem Bücherei-Humor gestoßen bin: Schönheit ohne Hirn.
  • Hier drei Links, zu Bildern meines derzeit im Wachsen befindlichen Ordners mit Naturmotiven für den Bildschirm: Manarola, Italy, Eyjafjallajökull Volcano, Iceland, Autumn Leaves, Japan, alle drei bei ›National Geographic‹. Dummerweise finde ich die Links zu drei anderen schönen Photos (Erdmännchen, Kolibri und Ende) nicht mehr.
  • Bei ›Clockworker‹ über Warum Menschen Dinge erschaffen gestolpert, einem Zeichentrick-Kurzfilm von Saul Bass aus dem Jahre 1969.
  • Endlich! Kirby Ferguson setzt seine Dokumentation fort: Everything is a Remix Part 2, glänzende Erläuterung des ständigen Kopierens & Neukombinierens & Verfremdens von Bekannten anhand von »Star Wars«. Wer’s noch nicht wusste: George Lucas ist ein wilder Sample-Künstler.

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Molos Wochenrückblick No. 39

Eintrag No. 696 — Ich lieg darnieder. Kaum zu Hause von der Arbeit mit drei freien Tagen vor mir, geht das mit der Triefnase und dem Dauerniesen los und ich emigiriere erst in die heiße Dusche, dann ins Bett. — Deshalb nur eine magere Krankenbettausgabe.

Film: Dass ich vergangene Woche im Kino war, habe ich ja berichtet.

Lektüre: Mit »The Windup Girld« bin ich fertig. Hat mir ganz gut gefallen, auch wenn ich mich ein wenig frage, warum der Roman sooo viel Lob auf sich häuft. Aber sei es drumm. Ich fand ihn ja auch ganz fein.

Dafür bin ich jetzt in den sehr dicken Roman »Unendlicher Spass« von David Foster Wallace reingestolpert. Eigentlich wollte ich am Sonntag nur mal reinlesen, in die frisch gekaufte Taschenbuchausgabe, aber nun bin ich schon auf Seite 100-etwas und finde das Buch ganz vorzüglich.

Netzfunde

Zuckerl

»Eine andere Welt« (8) – Kap. VI: Krack’s von Krackenheim Manuscript von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 690Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

VI. Krack’s von Krackenheim Manuscript.
Erstes Capitel.

Sitten. — Bevölkerung. — Gesetzte. — Allgemeine Betrachtungen.

»Ich kann nicht genau bestimmen, wie lange mein Untertauchen währte, da es bedenklich war, meinen Chronometer, wenn auch nur auf Augenblicke, dem Einfluss der Salzflut auszusetzen; irre ich nicht, so dauerte meine perpendiculare {= senkrechte} Flutfahrt drei Tage, denn ich hatte sehr mit dem Zwischenströmungen zu kämpfen und ein Zug Heringe sperrte mir lange den Weg. Nach vielen mühseligen Anstrengungen gelang es mir endlich, ihn zu durchbrechen, und ich ruhte nun auf einer Austerbank aus, wo ich frühstückte. Dann setzte ich mit frischen Kräften meine Flutfahrt fort und befand mich, als ich am Morgen des dritten Tages meine Berechnungen und Messungen anstellte, fünftausend Fuss tief unter der untersten Schwimmschicht der Walfische. Hier landete ich gleichsam auf einer Bank von feinem Sande und stellte meine in Unordnung geratene Toilette wieder her. Große Mühe machte mir meine Frisur, in der sich unzählige noch unbeschriebene Mollusken und viele den überflutlichen Naturforschern noch gänzlich unbekannte Muschelarten, die ich in einem besonderen Werke mit illuminierten Abbildungen zu beschreiben gedenke, festgesetzt hatten. Kaum war ich damit im Reinen, als ich auch schon eine große Menge von Bewohnern dieser hydrogenen Regionen um mich versammelte und mich mit seltsamen Grimassen zu meiner nicht geringen Verwunderung begrüßte. Später erfuhr ich, dass das Meer gerade seinen Fasching feiere und dass die Maskenfreiheit dieses eben nicht sehr artige Benehmen gestatte.

So viel ich mich bis jetzt zu überzeugen im Stande war, ist der Meerboden bevölkern, wie der Erdboden; die Symbolik des Mythos der Nereiden liess das schon lange ahnen. — Götter gibt es jedoch nicht mehr ihm Ocean. Proteus hat, zufolge eines Auszuges aus dem Kirchenbuche von Ichthyopolis, dem ehemaligen Fischanz, bereits am 31. Poseideon der letzten Olympiade alten Stils das Zeitliche gesegnet, und Thetis ist vor Alter kindisch geworden. Nur aus ehelicher Treue allein findet sich Helios bewogen, täglich nach seiner Ausfahrt zu ihr zurückzukehren und das feuchte Lager mit ihr zu teilen, was seinem Character als Ehemann große Ehre macht.

Die Sitten der unterseeischen Völker scheinen mir sehr sanft zu sein. Selten erhebt sich ein Streit unter ihnen. Meiner Ansicht nach hat ihre Religion große Ähnlichkeit mit dem Neo-Paganismus, doch habe ich unter ihnen Fische mit Bischofsmützen bemerkt. Eine Bande Musikanten, die auf Seemuscheln bliesen, unterbrach mich plötzlich in meinen Beobachtungen, da sie die Luft mit ihren Tönen erschütterten. Sie befanden sich an der Spitze eines ungeheueren Zuges, der sich bei mir vorüber bewegte; es war das Geleite des Fastnachtsochsen, von dem ich hier eine Abbildung beilege. Sein Gefolge war höchst geschmackvoll angeordnet und befand aus verkleideten Tieren, welche die für den Menschen leckersten Schüsseln aus ihrem Reiche darstellten. Der Ochse selbst kam von den Weidenplätzen des alten Nereus, des ehemaligen Viehmästers der Herden des Neptun. Folgendes Programm ward dazu ausgegeben.«

Programm.

In Erwägung der Schwere des Festochsen werden alle Straßen, durch die der Zug geht, dreifach gepflastert sein.

Der Fastnachtochse nimmt seinen Zug von dem Suppenmarkte nach der Austernstraße, von da durch die Rotweingasse und die Weißweingasse nach der Champangnerstraße; Halt wird gemacht auf den Puddingplatze, vor dem Würstchenschlosse und vor dem Hause des Präsidenten der Kochkunst, Excellenz, Großkreuz des Hausordens u. f. w.

Herr Cervelat, einer der ausgezeichneten unterseeischen Mäster, der zum zwanzigsten Male diesen Zug leitet, ist darauf bedacht gewesen, ihn diesen Fasching ganz besonders auszuschmücken. Der Siegeswagen, in welchem er seinem Zögling folgt, ist ganz mit Perlenmutter ausgelegt. Der Gott Romus sitzt auf dem Bock, Neptun und Amphitrite Herren Cervelat gegenüber und Najaden und Tritonen umgeben das Fuhrwerk.

Diejenigen geehrten Feinschmecker, welche ein Beefsteak von dem Festnachtsochsen zu haben wünschen, werden gehorsamst ersucht, sich eigenhändig in den Listen einzuzeichnen, welche bei dem Restaurator Herrn Lendenbraten ausgelegt sind, woselbst auch täglich von 7 Uhr Morgens bis Mitternacht delicate frische feine Hirnwurst mit Trüffeln zu haben sind.

Anordnung des Zuges.

Der Zug verlässt die reichen Magazine des Herrn Kochgut, um sich zu den unterseeischen erwählten Magistratspersonen zu begeben. Die Stopfer, Nudler, Mäster, Züchter, Führer, Käufer, Vorleger, Esser u. f. w. Abgerechnet: besteht aus folgenden Mitgliedern:










1. Fasanierter Hase.5. Bekrümelte Ente.9. Kapauniertes Wildschwein.
2. Umgefischte Gans.6. Gehechtete Kriechente.10. Gebratener Schwein-Truthahn.
3. Gelachster Hummer.7. Turtel-Schnecke.11. Ente mit Oliven.
4. Rebhuhn mit Krebsschwanz.8. Gebackener Frosch.12. Reh mit Hahnenkamm.

»Da auf der Erde Tag war, so erhellen hier unten Fackeln den Zug. Bei sinkender Nacht begann die Morgenröte zu erscheinen und nun eilte alles auf den Ball, welcher in einer azurnen Grotte mit Perlmuttermauern statt fand, deren von den zurückgeworfenen Strahlen der Sonne beschienene Stalactiten wie goldene Kronleuchter glänzten. Die Tiere trugen eben so einfache wie geschmackvolle und malerische Maskenanzüge. Ein junges sehr zartes Lamm eröffnete den Ball mit einer schon etwas altlichen Frau Panther; dieses Paar, das kaum auf den Pfotenspitzen walze, fesselte ziemlich lange meine Blicke. Dann werde ein reizender Contretanz von Affen und Affeninnen, die wie Windspiele frisiert waren, aufgeführt und diesem folgte eine Menuet voll Anmut und Bescheidenheit.


Ein Fuchs tat sehr schön mit einer Henne und ein kokettes Rebhuhn wußte trefflich einen von seinen Reizen hingerissenen Wachtelhund zu beschäftigen. In einem nicht sehr erleuchteten Seitengage machte ein Bär einer Scholle den Hof und bot ihr seine Equipage an, um sie nach Hause zu begleiten; ein Hahn verfolgte eine Löwin so heftig mit seinen Liebesanträgen, dass sie sich kaum zu retten wusste, und eine Gazelle schleifte einen jungen Tiger, ihren Geliebten, den sie bei einem Stelldichein mit einem Windspiel von der Oper überrascht hatte, an den Haaren fort. Überall herrschten Freude, Lust, Scherz und Lebendigkeit.


Ein allgemeines Lärmen verkündete das Ende des Maskenballs die feineren Besucher waren schon lange fort. Viele schliefen, Andere schwatzten, Viele waren unwohl; man hätte glauben sollen, auf der Erde zu sein. Den Bechluss machte ein Charactertanz, den ein junger Enterich mit einer jungen Ohreule aufführte und welchem der schon bejahrte Gatte der Letzteren, wenn es nicht ihr Vater war, was auch möglich ist, gravitätisch zusah. Nie habe ich mich so sehr …«


Hier unterbrach sich Puff plötzlich im Lesen und rief: »Heureka!« …

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Molos Wochenrückblick No. 34

Eintrag No. 686 — Ganz vergessen Euch folgendes Winter-Erlebnis zu erzählen. Letztens, ich früh morgens auf dem Weg zu Arbeit. Alles voller Schnee, alles voller Eis. Noch keine 100 Meter von meiner Wohnung entfernt, sehe ich eine Person, die ausrutscht und auf den Hintern knallt. Brav erschrecke ich ein bischen über das Missgeschickt eines Mitmenschen und guck, ob auch nichts Schlimmes geschehen ist. Nur’n blauer Fleck. Alles gut. Also weiter. — Keine 200 Meter um die Ecke dann der nächste Kammerad, den’s bei einem Hoppala auf der Eisglätte niederstreckt. Ich erschrecke nicht mehr, prüfe aber kurz, ob alles in Ordnung ist und stapfe weiter. — Weitere 300 Meter später, kurz vor meiner Bank dann die dritte Person, die sich lang legt. Spontan gucke ich mich um, frage mich, ob ich träume, ob es mich in eine Cartoon-Welt verschlagen hat.

Und gestern dann auf dem Weg zur Arbeit, so gegen 5:50 die allerhübschesten Katzen- und Eichhörnchen-Spuren auf dem jungfräulichen Schnee. Gehört zu den schönsten banalen Dingen, die ich kenne.

Lektüre: Habe mir »Chez Max« von Jakob Arjourni (den ersten SF-Roman dieses Autors) und »Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt« von Haruki Murakami gekauft. — Fertiggelesen wird aber erst mal »Die Monkey Wrench Gang« von Edward Abbey. Wunderbarer Roman bei diesem kalten Wetter

Netzfunde

  • Sehr interessant fand ich, wie der SF-Autor Bruce Sterling die ganze Wikileaks-Kiste sieht: The Blast Shack.
  • Apropos undichte Stellen: Bayernleaks gewährt Einblick in das Studiengebühren-Chaos, wie Fritz Effenberger in Studiengebühren, ein Wintermärchen für ›Telepolis‹ berichtete. Warum geben die bayerischen Unis das ganze Studiengebühren-Geld nicht für das aus, wozu es angeblich kassiert wird, z.B. bessere Studienbedingungen, Lehrmittel, neue Dozenten und Proffs?
  • Schließlich war Andrea Diener im Fussball-Stadion, wovon sie in schwarz-weiß im schnee berichtet.
  • ›Spinoff Comicbookresources‹ berichtet mit Extremist Group Urges Boycott Of »Thor« Over Casting Of Idris Elba darüber, dass eine flotte WASP-Truppe sich maßlos empört über den Umstand, dass die Rolle des Gottes Heimdall im kommenden »Thor«-Film von einem Neger, noch dazu einem schwarzen Neger, gespielt wird. Sorgen haben die Leut.
  • Eine der besten Journalistinnen unserer Zeit, Gabriele Goettle, hat für die ›TAZ‹ eine ihrer ergreifenden Sozialreportagen über eine Renterinn geschrieben, die Arbeiten muss, weil es hinten und vorne nicht reicht, so wie unsere wundervolle Wohlstandsgesellschaft funktioniert: Rente ab siebzig – Vom Arbeitsleben der Anderen

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

Zur Erinnerung:
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Zuckerl

  • Im letzten Wochenrückblick habe die ersten beiden Episoden von »Robot Chicken: Star Wars« verlilnkt. Gestern wurde die niegel-nagel neue Episode III bei ›adultswim‹ ins Netz gestellt. Viel Spaß.
  • Erstaunlich, dass ich da nicht früher drüber gestolpert bin. Aber Ende letzter Woche habe ich mich einen kalten harschen freien Tag lang damit entspannt, alle vier Staffeln von The Guild zu gucken. Nimm das, herkömmliches gebührenpflichtiges oder werbeverseuchtes Fernsehen!
  • Ungewöhnliche Kunst bietet Lori Nix, die zuerst Dioramen bastelt, und diese dann photographiert.
  • Und nun etwas Natur- & Wissenschaftskunde mit den erstaunlichen HTwins, die eine verständliche Veranschaulichung der Größenverhältnisse vom Kleinsten bis zum Größten erstellt haben: The Scale of the Universe.

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