molochronik

Molos Wochenrückblick No. 56

Eintrag No. 718 — Welche Gemeinsamkeit haben »Thor«, »Hanna«, »Scream 4«? Sind alles Filme, die ich gerne auf Englisch im Kino sehen würde, aber seit es kein Turm-Kino mehr gibt, ist das frankfurter Angebot englischsprachiger OV-Filme erschreckend zurückgegangen. Ich erlaube mir etwas zu grummeln.

Gibsert Haefs: »Die Rache des Kaisers«, Goldmann Taschenbuch, 2011. Klick auf das Bild führt zu einer Leseprobe der ersten 40 Seiten.Lektüre: Seit ich als Jugendlicher über den Haffmans-Verlag das Schaffen von Gisbert Haefs kennen- & schätzen gelernt habe, gehört er zu den Autoren, deren Bücher mich seit vielen Jahren begleiten. Haefs hat als Krimi- (›Balthasar Matzbach‹-Romane) & HistoAbenteuer-Fabulant (»Hannibal«, »Alexander«), als Übersetzer & Werksausgaben-Herausgeber (Sherlock Holmes, Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges) und als Selbsteinsprecher eines Hörbuches (»Roma. Der erste Tod des Marc Aurel« ist eines meiner Allzeit-Lieblingshörbücher) bewiesen, dass er einer der ganz wenigen hiesigen Gegenwartsautoren ist, die es druffhaben, die Tradition klassischer Unterhaltungs-Genre gekonnt fortzuführen. — Entsprechend habe ich mir die Taschenbuchausgabe der neuesten Unternehmung von Haefs besorgt, »Die Rache des Kaisers«. Der Roman erzählt die Geschichte von Jakob Spengler, der 15 Jahre alt ist, als er Anno 1519 vom Waldrand aus beobachtet, wie eine Schaar Söldner sein Heimatdorf niedermetzelt. Die Gesichter der vier Anführer prägen sich Jakob ein. Einige Jahre begleitet er als ›gefundener Sohn‹ einen orientalischen Diplomaten und dessen beiden Krieger-Diener, dann macht sich Jakob auf, die Schlächter seiner Familie zu suchen. Bisher habe ich das halbe Buch durch und finde es angenehm kurzweilig. Das Chaos und die Grausamkeiten der Bauern- & Söldner-Aufstände & Reformations-Unruhen sind passende Gelegenheiten, um kritische Gedankengänge über Religion, Gott, Abkehr vom Glauben, soziale Ungerechtigkeit und dergleichen einzustreuen. Wie immer versteht es Haefs, knapp und ohne langes Gefasel ein lebendiges Ensemble zu schaffen, Orte zu beschwören, komplexe Zusammenhänge zu erklären. Geschickt werden die ernsteren und abenteuerlichen Passagen abgewechselt durch beispielsweise romantische, zünftige oder alberne Stellen. Wenige Unterhaltungsautoren beherrschen diesen Kniff. — Ich liebe es, wenn plötzlich in einer eigentlich ziemlich harten Rachegeschichte wie hier, solche Sachen abgehen: Jakob und Freund / Waffengefährte Avram verbringen schwermütige Tage in Venedig und verfallen beim Wein in folgenden Dialog (Seite 204). Avram fragt, mit welchem Spitznamen Jakob Venedig bedacht hat:

»Kanalrattenstadt«, knurrte ich, »mit Wänden voller Kanalrattenschatten.« {…} »Schlafen Ratten auf Matten? Werfen dabei Kanalrattenmattenschatten?« Er {= Avram} rülpse leise: »Das will erwogen sein. Wenn sich zwischen platten Schatten satte Ratten matt begatten…«

Meine Freude am neuen Roman von Gisbert Haefs ist eine passende Gelegenheit, einige Erzähl-Tugenden zu benennen, welche »Die Rache des Kaisers« beispielhaft auszeichnen, und die ich allen Genre-Autoren zur inniglichen Beherzigung nahelegen möchte: — 1) Überkandidelte Sprache braucht kein Mensch. Aber es steht auch vornehmlich auf Unterhaltung abziehlenden Reissern gut an, die Prosa (natürlich passend zum jeweiligen Stoff) hie und da mit kleinen Sprachkapriolen zu würzen. — 2) Zeiträume können ruhig übersprungen, die Schilderung von Ereignissen gerafft werden. Haefs führt das glänzend vor. Abenteuerliche Romane werden nicht unbedingt besser, wenn sie aufgebläht werden, weil sie immer eng am Zeitstrahl entlangkriechen. Die Darstellung von Lebensabenteuern werden nicht zwangsweise ergiebiger, wenn man alles was vorfällt ausbreitet. — 3) Ruhig ab und zu einige Originaltöne einflechten. So bringt Haefs seinen Lesern die schreckliche Plünderung Roms durch spanische und deutsche Söldnertruppen durch Ausszüge aus der Chronik eines gewissen Gregorius oder Georgius nahe; zitiert die Nachwehen des Grauens durch die Schriften des Landsknechthauptmanns Sebastian Schertlin von Burtenbach. Früher im Roman listet der Icherzähler Jakob die Forderungen der aufständischen Bauern in deutschen Landen auf. So lassen sich geschickt die Kleinigkeiten von historischen Panoramen auffächern. — 4) Wiegesagt: Keine Angst vor Albernheiten oder ›Sentimentalitäten‹ oder blumigen Sprachbildern. Hier eine für meinen Geschmack besonders gelungene Stelle, wenn Jakob, inzwischen gute 20 Jahre alt, eine letzte Nacht bei seiner Geliebten Laura in der Nähe von Venedig verbringt, bevor er sich wieder auf den Weg macht, sich an den vier Mordbrennern zu rächen:

Für Laura und mich wurde es eine lange weiße Nacht. Zwischendurch gab es etwas, das ich nicht Liebe nennen mag, eher einen verzweifelten gegenseitigen Angriff; der Rest war Reden, Fragen, Nachfragen, Vorwürfe. Und Laura war nie schöner als in jener Morgendämmerung, da sie neben mir lag, auf den rechten Ellenbogen gestüzt, die Honigkaskaden des Haars über Schulter und Brust. Schön wie ein geschliffenes Schwert. Als es mir das Herz schlitzte, als ihre Augen Leid sprühten und dabei trocken blieben, hätte ich gern geweint.

Jakobs Abenteuer werden im Oktober dieses Jahres mit »Das Labyrinth von Ragusa« fortgesetzt.

Netzfunde

  • Reiseberichte sind immer eine gute Lektüre. Ich durfte zuhause in den letzten Tagen schon Andreas Begeisterung für die »Russische Reise« von John Steinbeck & Robert Capa aus dem Jahre 1948 erleben. Ein Hoch auf die Büchergilde Gutenberg und die von Illja Trojanow herausgegebene Reihe ›Weltlese‹. Hier eine ausführliche Empfehlung von Thomas Hummitzsch für das Portal ›Glanz & Elend‹: Menschen wie du und ich.
  • Hatte noch keine Zeit für gründliche Lektüre des Eintrages Imagination im Online-Philosophie-Lexikon der Universität Standford. Wird aber noch erledigt.
  • Es ist mir immmer ein Vergnügen, wenn respektable Literaturkritik sich Sachen vornimmt und zudem lobt, die von feuilletonistischen oder akademischen Kreisen leider allzuoft links liegen gelassen werden. Hier bei ›Literaturkritik.de‹ bricht Ole Petras eine Lanze für DEN Meister der erotisch angereicherten ›langbeinige Grazien‹-Comics: Sex in Zeiten der Anarchie: Zur Milo-Manara-Werkausgabe, am Beispiel des Comics »El Gaucho«.
  • Folgendes ist so irre und doch passend, als ob Metallica Beethoven-Symphonien interpretieren würden. Für die ›Financial Times‹ hat Stephen Fry ein Interview mit Lady Gaga geführt. Atemlos las ich Frys Bericht und lauschte dem Treffen dieser außergewöhmlichen Künstler im kompletten Interview, wenn Fry und Gaga locker mit Oscar Wilde, Bert Brecht und Thomas Mann um sich werfen. — Hier als Zugabe ein Link zum ersten Teil vom HBO Special: Lady Gagas Monster Ball. Und jetzt dürft Ihr Euch aufhören zu wundern, dass ich was mit Lady Gaga anfangen kann. »The Fame Monster« und »Born This Way« sind gloriose Meisterwerke der überproduzierten Popmusik und wie Fry auch, habe ich mir bei den ersten Musik-Videas von ihr gleich »Aha, Verfremdungseffekt! Kabarett!« gedacht und den Wahnsinn für gut beheissen.

(Deutschrachige) Phantastik-Links

  • Ich selber werde wahrscheinlich kaum dazu kommen, an der SF-Challange des Schweizer Anlegestelle für Bibliophile ›raVenport‹ teilzunehmen. Aber die Aktion findet meine Sympathie und ich bin gespannt auf die Beiträge.
  • ›Fictionfantasy‹ und ›Literatopia‹ präsentieren Der Phantast No 2: Dunkle Zeiten, 82 satte Seiten, diesmal mit deutlich verbessertem Layout, feinen Illustrationen von Frank Melech, und lesenswerten Artikeln und Rezensionen. Besonders freuen mich die Besprechungen zu Karl Capeks »Der Krieg mit den Molchen«, zu Paolo Bacigalupis »Biokrieg« und der begonnenen Gesamtausgabe von »Valerian & Vernonique« von Jean-Claude Mézières & Pierre Christin.
  • Das lobe ich mir. ›Deutschland-Radio: Wissen‹ hat ein kurzes Feature über RETRO-FUTURISMUS: Der Steampunk erobert Deutschland gebracht und diesbezüglich jemanden interviewt, der bescheid weiß: Clockworer-Kapitän Serenus Zeitbloom.

Zuckerl

  • ›peacay‹ bietet in seinem erstaunlichen Blog ›BibliOdyssey‹ wieder mal eine Gemme der Illustrationskunst: Peter Pan in Kensington Gardens, mit Arbeiten des unvergleichlichen Arthur Rackham zu James M. Barries Meisterwerk.
  • Der geniale John Coulthart hat für ›Tor:Com‹ eine Übersicht zusammengestellt: H.P. Lovecraft’s Favorite Artists, die solch illustre Meister der graphischen Seltsamkeiten und Extra-Devi-Vaganz wie Heinrich Füssli, Francesco Goya, John Martin, Gustave Doré, Sidney Syme, Nicholaus Roerich, Anthony Angarola und Virgil Finlay, versammelt
  • Sehr appart finde ich gelungene Mischungen aus Horror und Niedlichkeit, wie z.B. das ›2photo‹-Portfolio von Tony Sandoval zeigt. Besonders grauslig-niedlich finde ich diese nackte Schönheit mit Monster-Eingeweiden; — diese im Wasser sich spiegelnde Geistererscheinung; — und diese umschlungenen Skelette, die mich an eines der besten Roman-Enden aller Zeiten erinnern (»Der Glöckner von Notre-Dame« von Victor Hugo).
  • Nostalgie-Anfall! Beim Stöbern in iTunes habe ich entdeckt, dass Nik Kershaw immer noch vor sich hin bosselt. Als Teen war ich ein großer Fan seiner Alben »Human Racing« und »The Riddle«. Inzwischen hat er seine alberne Haarpracht abgelegt und sieht er aus wie ein richtig handfestes englisches Mannsbild. Und ich bin entzückt, über die Akustik-Version seines Hits »Wouldn’t It Be Good«, zu finden auf dem Album »No Frills«.
  • Im ›Ich höre gerade‹-Thread bei SF-Netzwerk bin ich dank eines Tipps von Kopernikus aufmerksam geworden auf Venice Classic Radio.
  • Zum Schluss ein wenig derbe Bildungshuberei. Zu meinen liebsten Musik-Schätzen gehört die »Madrigal History Tour« der King’s Singers (begleitet vom ›Consourt of Musicke‹ unter der Leitung von Anthony Rooley). Unter den aus Deutschland stammenden Liedern der Sammlung befindet sich »Vitrum Nostrum Gloriosum«, und so klingt das schöne lateinische Sauflied in der Aufnahme der King’s Singers selbst (hier in der Fassung der TV-Serie zur geschichtlichen Madrigal-Europareise). Der Text geht so:
    Vitrum nostrum gloriosum, Deo gratissimum. O, vitrum! Levate! Fac, fac, bibe totum extra, ut nihil maneat intra, Depone! Hoc est in visceribus meis. Prosequamur laude!

    Und wenn ich die englische Übersetzung des Beiheftes der CD ins Deutsche übersetzte ergibt sich folgender Inhalt:

    Unser herrlicher Kelch, zum höchsten Gefallen Gottes. Oh Kelch! Hebt ihn hoch! Kommt, trinkt ihn aus bis auf den letzten Tropfen. Hinunter damit! Ich fühle wie es {das Getränk} mich innerlich wärmt. Lasst unser Lob sich ihm anschließen.

    Und es gibt noch Winkel in der Welt (kann jemand das Schild das ab und zu rechts oben im Bild zu sehen ist entziffern?), wo nicht gelehrte Sänger sondern das gewöhnliche Volk rustikal dieses Lied anstimmen: Vitrum nostrum gloriosum.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (12) — Kap. X: Revolution im Reich der Pflanzen von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 714Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

X. Die Revolution im Reiche der Pflanzen.

Auf Gurken! Zu den Waffen! Neue Marseillaise.

In diesem Kapitel werden die Pflanzen aus dem revolutionären und gemüsigen Gesichtspunkte betrachtet.

Dr. Puff an Krack von Krackenheim

Lieber Getreuer! Dein erhabenes Manuscript ist mir ohne Tintenfleck und die Flasche ohne Sprung angekommen. Du findest hier die Denkschrift beigeschlossen, die ich der Neugöttlichen Akademie über Deine Entdeckungen überreicht habe, so wie einen genauen Bericht von dem, was sich mit mir seit Deinem Untertauchen zugetragen hat. — Ich bitte Dich, meiner Abhandlung über die unterseeischen Rassen freundliche Aufmerksamkeit zu widmen; ich führe in derselben Deine Ansichten über das Vorhandensein einer eigenen Tierfamilie, welche die Mythe des Altertums gekannt hat oder der diese vielmehr ihren Ursprung verdankt, weitläufig aus. Die Tritonen und Nereiden find Proben existierender Gattungen, welche nur momentan verloren gegangen sind; die Constatierung dieses Factums wird uns bei den Männern der Wissenschaft den größten Ruhm erwerben.

In diesem Augenblicke bin ich damit beschäftigt, die Liquidation meines Hauses für physiologische Verkleidungen abzuschließen; dies Geschäftchen hat hübsche Procente getragen; es war eine glückliche Idee, die ich Dir verdanke; der bereits realisierte Gewinn setzte mich in den Stand, den Januar und einen Teil des Februar ganz behaglich hinzubringen; um mich während der Fastenzeit durchzuschlagen, sinne ich jetzt auf eine neue Speculation; aber, wie soll man an seine kleinlichen Interessen denken dürfen, wenn man die Übel in das Auge fasst, welche die Menschheit bedrohen!

Ein ganzes Naturreich empörte sich! Das ist die grässliche Neuigkeit, die ich Dir mitzuteilen habe. Du kennst meine Liebe für den Gartenbau, diese Erholung aller großen Seelen; auf meinem Fensterbrett stehn zwei Monatsrosen und eine Fuchsia in Töpfen. Dank meinem gründlichen orientalischen Studien, die Blumensprache ist mir geläufig. — Neulich nun, als ich mich meinem hängenden Garten näherte, um die Fortschritte und Wirkungen des Frühlings zu beobachten, belauschte ich das Geheimnis einer Verschwörung, deren Loosungswort der Westwind von einem Kelche zum anderen trug; einen besseren Mitverbündeten konnten sich die Blumen wahrlich nicht gewählt haben.

Das Volk (der Samenkapseln) steht auf, der Sturm (der Staubfäden) bricht los gegen die Menschheit. Treibhaus und Krautgarten reichen sich die Hand, bald werden die Glasglocken zum Sturm läuten; der Geist der Verschwörung hat sich in alle Kelche geschlichen, die Sonne und die Rache machen alle Pistille ausschwellen. Die Artischocke wetzt stillschweigend ihre Stachelspitzen; die Melone bereitet sich eine Schaalenrüstung, die dem schärfsten Messer Trotz bietet; ich hörte einen Chor von Gurken singen:

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los! Wer legt noch die Hände feig in den Schoß? Pfui über die Buben dort an den Spalieren, Mögst Du durch Urban† getroffen erfrieren! Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht. Eine treue Rebe umarmt Dich nicht. Eine blecherne Gießkann’ erquickt Dich nicht, Ein ehrlicher Spaten häufelt Dich nicht. Stoßt mit an! Mann für Mann! Wer sich emporranken kann! †{Bezieht sich wahrscheinlich auf Urban einen Wetterzauberer im tirolischen Pustertal des 17. Jahrhunderts.}

Als ich dies vernahm, machte ich eine botanische Exkursion und brachte eine ganze Kapsel voll Kleinigkeiten mit; heimliche Schauer durchzogen die Beete mit jungen Bohnen; ein verdächtiges Flüstern verbreitete sich vom Kopfsalat bis zum Spinat und von diesem drang es weiter zur Cichorie und zum Sellerie. Die Verschwörer erwarten das Signal zum Aufstande.

Eine Königskerze, geschworene Feindin aller Empörungen, und eine loyale Immortelle, eine begeisterte Freundin des Bestehenden, haben mir alle Einzelheiten des Complots vertraut. Eine ganz gemeine Pflanze, aus den niedrigsten Klassen der Botanik stammend, kurz eine obscure ranglose Distel hat den rechten Plan ausgeheckt und sich an die Spitze der Revolution gestellt; nur Leute, die Nichts zu verlieren haben, sind begeistert für gewaltsame Umwälzungen.

In das Geheimnis eingeweiht, begab ich mich nun an den Versammlungsort der Verschworenen. Hier überzeugte ich mich, dass die Pflanzen schon lange eine geheime Verbindung organisiert haben, welche in Kränzchen, Sträuße und Girlanden zerfällt; diese Klassification, von der die Polizei eben so wenig ahnt, wie es Linné und Jussieu taten und Schleiden und Endlicher jetzt tun, flößte mir eine hohe Meinung von der politischen Bildung der Verbündeten ein.

Nichts ist so gefährlich wie ein Volksredner aus dem Volke; das hat mir die Distel recht deutlich bewiesen. Die Versammlung war vollzählig, alle Klassen des Pflanzenreiches hatte ihre Repräsentanten gesandt. — Der Catilina der Blumenwelt durchlief mit seinen Blicken die Reihen der Anwesenden und redete dann zu ihnen wie folgt:

Bäume und Sträuche, Büsche und Pflanzen! Blätterreiche Mitverschworene, geliebte Geschwister!

»Der Augenblick ist da, den Händen unserer Unterdrücker Spaten, Hacke und Hippe zu entreißen. Wir wollen uns nicht mehr von ihnen, nach ihrem Gutdünken, beschneiden und anbinden lassen, wollen nicht mehr eine gezwungene und noch obendrein gemischte Ehe mit einem uns fremden Pfropfreis schließen. Die Pfropfschaft ist noch tausend Mal hassenswerter und unmoralischer als die Leibeigenschaft, gegen welche sich das feige Menschengeschlecht selbst so oft empört hat.«

Zeichen des Beifalls unter den Zuhörern.

»Vergissmeinnicht, erhebt Euch aus Euren weichlichen Träumen! Rosen, Nelken, Veilchen, Jasmine, entsagt Euren entwürdigenden Liebschaften, legt Eure bunten Festkleider ab, wappnet und rüstet Euch, wenn Ihr wollt, dass der Mensch künftig nicht mehr aus Euren edelsten Säften unreine Essenzen, verhasste Waschwasser, schmierige Pomaden bereite! — Und Du, Gemüse, redliches, fleissiges, kinderreiches Volk, wirst Du es noch länger dulden, dass man Dir Dein Liebstes, Deine Kleinen, schon in zartester Jugend raube, um sie im Übermut als erste junge Erbsen, junge Bohnen zu treffen!«

Eine Zwiebel vergießt heftige Tränen.

»Für die Erstgeborenen der Artischocke — unglückliche Mutter! — ward die Folterqual der Pfefferbrühe und des Backens in Teig von den Allesverzehrenden ersonnen. Hört das Klagegeschrei der Opfer, die aus dem tiefen Grunde der Kasserolen Euch beschwören ihre Rächer zu werden!« Schauer und Zähneknirschen unter den Zuhörern.

»Mohnköpfe, wacht auf aus Eurem Schlafe, es geht Euch an den Kopf!«

»Und Ihr, aufkeimende Champignons, die man so grausam der heimatlichen Erde des friedlichen Mistbeetes entreisst, statt der den Feinschmeckern so angenehmen Säfte entquelle Euch künftig ein tödliches Gift. — Euch aber, geliebte Pfeffergurken, verdammt das grausame Menschengeschlecht nicht allein zu der ewigen Hölle des gläsernen Kerkers, es zweifelt auch an Euren geistigen Kräften.«

Murren auf der Bank der Pfeffergurken.

»Ich frage Euch, Ihr Melonen, wollt Ihr Euch auch ferner so ruhig schlachten, Euch, Ihr Radiese, wollt Ihr Euch immer so roh behandeln, Euch, Ihr Zuckerrüben, wollt Ihr stets mit Haut und Haaren Euch kochen lassen?«

»Nein, meine Freunde! So darf es nicht bleiben; der Zorn, der Euch entflammt, bürgt mir dafür. Zu den Waffen, Ihr Sprossen des Pflanzenreiches! — Mögt Ihr siegen oder fallen, Unsterblichkeit wird Euch zu Teil. Die Trauerweide wird Tränen über der Ruhestätte der Toten vergiessen und die Cypresse am Grabe ihren Ruhm den Überlebenden verkünden, den Ruhm derer, die da tapfer starben für Freiheit und Vaterland.«

Nach dieser Rede trennten sich die Versammelten, aber die höchste Begeisterung erfüllte jedes Einzelnen Brust. Die Spargel trugen den Kopf noch ein Mal so hoch und selbst der Kürbisse kaltes Innere durchflammte des Freiheitsdranges lodernde Glut. Der Taback allein blieb seinem gewöhnlichen Indifferentismus {= Gleichgültigkeit} getreu; die ganze Rede hindurch liess er seine Pfeife nicht ausgehen.

Wenn die Zwietracht sich nicht unter die Verschworenen schleicht, so ist es um unsere Küche geschehen. Aber die Moose und die Farnkräuter sonderten sich bereits ab und bildeten einen eigenen politischen Club. Zwischen der Runkelrübe und dem Zuckerrohr kam es bereits zum Zweikampf und die — leider nur zu späte — Dazwischenkunft der Mohrrübe vermochte allein die erbitterten Gegner zu trennen. Die Runkelrübe wäre sonst ganz erlegen und der Bürgerkrieg ausgebrochen.

Was rät man mir zu tun? Soll ich die menschliche Gesellschaft in Kenntnis setzen von den geheimen Umtrieben, die die Kochkunst in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen? — Nein, ich schweige — und erfinde ein Surrogat für das Gemüse. —

Was hälst Du von der Idee?

Doch ich vergesse, geliebter Krack, dass Du aus so weiter Ferne mir nicht zu antworten vermagst, und wähne mich immer von Deinem teuren Geiste umschwebt. — Beeile Dich indessen, mir die Flasche baldigst wieder zu senden, die ich der Courierpost des Weltmeers anvertraue.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Molos Wochenrückblick No. 51

Eintrag No. 712

Literatur: Neal Stephenson: »In the Beginning was the Command Line«Zweimal Neal Stephenson: Als ich diesen Monat in Berlin war, habe ich mir im Otherland-Buchladen ein paar Bücher besorgt, unter anderem »In the Beginning was the Command Line« (1999). Mit diesem bisher einzigen Sachbuch-Titel bietet Stephenson, eine kurzweilige Mixtur seiner persönlichen Erlebnisse mit Computern, Betriebssystemen und graphischen Benutzeroberflächen; — der Nacherzählungen (für mich Laien fein nachvollziehbar) von deren Entwicklungsgeschichte und Funktionsweise; — sowie kenntnisreiche kultur-philosophische Kritik zum Zustand des Marktes. Knapp zusammengefasst findet es Stephenson empörend, wie sehr die Macht von Unternehmen wie Microsoft und Apple auf dem schönen Schein basiert, ihren Kunden gut gemachte Produkte zu verkaufen; — wie sehr sich Kunden dem Glauben hingeben, sie selbst (und nicht etwa die Shareholder dieser Unternehmen) stünden im Zentrum der Geschäftspraxis dieser Unternehmen. Und anhand des Vergleiches von Betriebssystemen und graphischen Benutzeroberflächen mit Disney gelingt es Stephenson, einige grundsätzliche erhellende Gedanken zum Thema ›vermittelte Weltwahrnehmung & -Handhabe‹ anzubringen.

Und dann: Endlich hat der Verlag Harper Collins Einzelheiten zum Ende 2011 erscheinenden neuen Roman von Meister Stephenson veröffentlicht! In »Reamde« (nicht »Readme«!!!) knüpft Stephenson wieder an Computerkultur-Stoffe an, die er in seinen früheren Büchern »Snow Crash« und »Cryptonomicon« verhandelt hat. Diesmal geht es um Richard Forthrast, der sich vor vier Jahrzehnten der Einberufung zum Militär entzogen hat, und einen Haufen Geld mit dem Schmuggel von Dope über die kanadische Grenze gemacht hat. Dieses Geld hat er mit Hilfe von Online-Spielen gewaschen und mit diesem Reichtum ein eigenes Unternehmen für Multiplayer-Fantasy-RPG gegründet. Ein asiatischer Goldfarmer löst dann versehentlich einen virtuellen Krieg um die Weltherrschaft aus und Richard findet sich zwischen den Fronten wieder.

Es freut mich, dass nach vielen Jahren ein neuer Roman von Lawrence Norfolk angekündigt wird: laut dem Ticker von Booktrade hat Norfolk im Frühjahr das Manuskript zu »John Saturnall’s Feast« abgeliefert. Im Englischsprachigen hat noch kein Verlag zugeschlagen, aber in Deutschland wird der Band bei Norfolks Stammverlag Knaus erscheinen. Die Kurzbeschreibung klingt verlockend (Schnellübersetzung von Molo): »John Saturnalls Gastmahl« spielt im 17. Jahrhundert und erzählt die Geschichte eines Waisen der während des englischen Bürgerkrieges lebt und zum besten Koch seines Zeitalters aufsteigt, und dessen Liebe zu einer Frau, die er niemals heiraten kann, sich zur großen Tragödie seines Lebens entwickelt.

Desweiteren habe ich nun mit dem zweiten Band der ›Die Zerrissenen Reiche‹-Reihe von Thomas Plischke begonnen: »Die Ordenskrieger von Goldberg«. Nachdem ich Band 1, »Die Zwerge von Amboss«, sehr kritisch aufgenommen habe, versprach ich mir selbst, Band 2 mit einer anderen Haltung zu lesen, mich nicht so schnell aufzuhängen an den Dingen, die mir Band 1 vergällten. Und siehe da: bisher komme ich um einiges besser mit Band 2 zurecht.

Schließlich habe nun endlich alle drei »Hellboy«-Kurzgeschichten-Sammlungen die Dark Horse auf Englisch herausgebracht hat: »Odd Jobs« (1999), »Odder Jobs« (2004) und »Oddest Jobs« (2008), zu denen solche meisterlichen Autoren und Autorinnen beitrugen wie Nancy A. Collins, Poppy Z. Brite, Frank Darabont, Charles de Lint, Guillermo del Toro, Joe R. Lansdale, Tad Williams und China Miéville.

Netzfunde

  • Zweimal Neues von Andrea ›Reisenotizen‹ Diener: Hier geht es zu einem Interview mit ›stadtkindFFM‹ über Straßenfotographie; — und für die ›FAZ‹ war Andrea jüngst eine Woche in Ägypten und berichtet darüber in ihrem Text Das Prinzip Inschallah (= »So Allah will«, in etwa: »Wenn es sich ausgeht«).
  • Kirche(n) und Gesellschaft: Es gibt eine nützliche Website namens Informationsportal Staatsleistungen für alle, die mehr wissen wollen warum und wie die Kirchen von den Bundesländern eine Menge Geld bekommen; — für die Hessen unter Euch: bei der Petition Aufhebung des Tanzverbotes kann man sich beteiligen, wenn man es (wie ich) doof findet, wie christliche Privilegien dem Grundgesetzt zuwiderlaufen; — und schließlich erläutert in einem Interview mit der ›Wirtschaftswoche‹ Friedrich Wilhelm Graf (Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Autor des Buches »Kirchendämmerung«), das unerträgliche Monopol der kirchlichen Sozialunternehmen: »Ein Tauschgeschäft zwischen Staat und Kriche«. Knackigste Aussage für mich ist folgende Passage zum Problem der Kirchen:
    Weil sie {die Kirchen}, um einen Modebegriff zu benutzen, auf Nachhaltigkeit setzen sollten statt einen Personen- und Autoritätskult zu betreiben, der ihre eigentliche Botschaft beschädigt. Das gilt übrigens noch stärker für die katholische Kirche. Von der hört man immer nur, dass sie gegen die »Diktatur des Relativismus« antritt und »zurück zu den christlichen Wurzeln Europas« will. Das sind besonders törichte Formeln, weil sie den Pluralismus der modernen Gesellschaft diffamieren. Was, bitte schön!, soll denn an die Stelle des »Relativismus« treten? Ein neuer klerikaler Absolutismus?
  • ›Telepolis‹ bringt einen langen Text von Peter Weibel zum Thema Globalisierung und Medien.
  • In einem sehenswerten ›TED‹-Vortrag erläutert der Kanadier Dave Meslin Gegenmittel zur Apathie. Statt der dummen Meinung recht zu geben, dass die meisten Menschen zu selbstsüchtig, dumm oder faul sind, um sich für gesellschaftliche Belange einzusetzten, definiert er ›Apathie‹ um: politische Apathie der Bürger ist keine innere Haltung dieser Bürger, sondern ein komplexes Netz kultureller Hindernisse, durch welche die Teilnahmslosigkeit der Bürger verstärkt werden. Als wichtigste Hindernisse dieser Art nennt Meslin:
    1. Das Informations-Gebahren von Rathäusern (und anderen politischen Einrichtungen) fördert mit Unübersichtlichkeit und Beamtensprech den Ausschluß der Bürger.
    2. Der Öffentliche Raum wird von den Nachrichten derer dominiert, die am meisten bezahlen, also von Werbung. Entspricht einer Kommerzialisieung des Rechts auf freie Meinungsäußerung.
    3. Die Medien konzentrieren sich auf Promis und Skandale. Bei Berichten der Medien über z.B. Bücher, Filme und Restaurants, finden sich so gut wie immer Infos zu den Waren, Öffnungszeiten usw. Jedoch bei Medienberichten zu politisch-gesellschaftlichen Themen liefern Medien nur sehr selten Infos dazu, wie man sich als Bürger an diesen Themen aktiv beteiligen kann.
    4. Das dominierende Heldenbild: wie es auch schon China Miéville grandiös in »Un Lun Don« tat, kritisiert Meslin die weitverbreitete Story vom erwählten Helden, die ein sehr fragwürdiges Ideal von Führungspersönlichkeiten zu formen hilft. — Heldenhafte Taten kennzeichnen sich für Meslin nicht dadurch aus, dass sie Personen unternommen werden, die von Prophezeiungen auserkoren wurden, sondern vielmehr dadurch, dass sie a) gemeinschaftliche Anstrengungen sind; dass sie b) unvollkommene, andauernde Prozesse sind, die nicht glorios beginnen oder enden; und dass man sich c) freiwillig, einer innen Stimme, seinen eigenen Träumen folgend für sie entscheidet.
    5. Politische Parteien sollten eigentlich ein wichtiger Einstieg für Bürger sein, sich politisch zu engagieren. Parteien richten sich aber derart stark nach Meinungsumfragen und Beratern aus, dass sie alle in etwa die gleichen Botschaften verbreiten, die die Bevölkerung eh erwartet (und dann machen die Parteien wiederum, was andere wollen, z.B. die Wirtschaft, die Interessensverbände) und das fördert Zynismus.
    Weitere Hindernisse bietet das sogenannte demokratische Wahlsystem (sehr Kanada-speziefisch, aber unsere ›repräsentative‹ Demokratie ist auch nicht besser), und die Tatsache, dass gemeinnützigen Organisationen zu wenig Gehör im öffentlichen Raum und bei Wahlen geschenkt wird.

(Deutschsprachige) Phantastik-Funde

  • Hurrah! Auf ›Arte‹ wird »Twin Peaks« endlich mal wieder in deutschen Landen gezeigt. Passend dazu hat der Kultursender ein feines Twin Peaks Portal eingerichtet.
  • Ein neuer Eintrag der Reihe »Der Zwerg liest fremd« im Blog der ›Bibliotheka Phantastika‹. In The Age of Bronze geht um die »Ilias« von Homer und eine graphik-novellische Aufbereitung dieses Klassikers durch Eric Shanower.
Zur Erinnerung: Hinweise auf bemerkenswerte deutschsprachige Internet-Beiträge zum Thema Phantastik (in allen ihren U- & E-Spielarten) bitte per eMail an …

molosovsky {ät} yahoo {punkt} de

… schicken. — Willkommen sind vor allem Hinweise zu Texten, die wenig beachtete Phantastikwerke behandeln (z.B. also Einzelwerke statt Seriensachen), oder die über Autoren, Theorie und Traditionsentwicklungen berichten.

Zuckerl

  • In Wochenrückblick No. 46 habe ich den Comic »Fennek« von Trondheim und Yoann empfohlen. Für alle, die diesen Wüstenfuchs genauso putzig finden wie ich, hier eine kleine Flickr-Galerie: F is for Fennec.
  • Ab und zu überrascht mich, was bei der englischen Variante von ›Deutschland sucht den Superstar‹, die sich ›Britain Got Talent‹ nennt, abgeht (allein schon der Unterschied der Sendungs-Titel spricht Bände!): Hier singt Edward Reid ein Medley alltbekannter, ziemlich platter Liedchen in der überdrehten Manier der Schmalz- und Schmacht-Popträllerei und dekonstruiert letztere damit deftig. Bravo!!!
  • Zuletzt zwei sehr schöne Bilderstrecken mit Illustrationen von Mark Summers, der in klassischer Holzschnittmanier Komponisten und berüchtigte Gestalten der Historie konterfeit.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (11) — Kap. IX: Das Reich der Marionetten von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 706Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

IX. Das Reich der Marionetten.

Im Lande der Marionetten ist das Gliedermännchen König. Hegel.

Die Pirouette erfordert den ganzen Menschen, vom Hirn bis zur Fußsohle. Aus Mäulchens Ästhetik.

Die Erklärung dieses Kapitels wird sich finden.

Müde, die Vögel um ihre Ansicht vom Menschen zu befragen, war Schwadronarius eingeschlafen und hatte seinen Ballon von den Luftströmungen forttreiben lassen. Nach einiger Zeit — so ungefähr in der Mitte zwischen einer Minute und einem Jahr — wachte er von einem starken Stosse, den sein Schiffchen erhalten, auf, und sass nicht im unendlichen Raume, wie er geglaubt hatte, sondern auf dem Dache eines Hauses fest.

»Wäre ich auf die Erde zurückgesunken?«, rief er erschreckt, die Blicke umherwerfend, aus. Was er gewahrte, war auch eben nicht geschaffen ihn zu beruhigen, denn von der Höhe des Observatoriums, das ihm der Zufall angewiesen, erblickte er Strassen, Läden, Müssiggänger, Wagen, Karren, kurz alles, was eine Stadt characterisiert. Er versuchte nun sich wieder empor zu schwingen, aber sein Ballon hatte einen Riss bekommen und musste erst wieder geflickt werden. Für’s Erste war also Nichts zu tun, als vor Anker zu gehen; er faltete daher seinen Luftballon zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg durch ein Mansardenfenster, das zufällig offen stand, in das Haus hinein.

Es war eine Wohnung, wie eben alle Wohnungen sind. Schwadronarius kam bis zum ersten Stock ohne Jemanden anzutreffen. Er setzte sein Reise bis zu der Loge des Portiers fort. Dort sah er einen Mann in einem Lehnstuhl sitzen und einen Glockenzug in der Hand halten. In dieser Loge herrschte die bewundernswerteste Ordnung und die vollkommenste Unbeweglichkeit. Vor dem Kamine lag eine schlafende Katze, die nicht einmal mit den Augen zwinkte oder ein Haar ihres Felles regte; eine Uhr zeigte genau die Stunde, ohne dass sich der Perpendikel auch nur leise schwang, geschweige denn tickte oder den Zeiger sichtlich vorwärts trieb. Der Excapellmeister näherte sich dem Portier um ihn zu fragen, wo er sich eigentlich befinde; der wachsame Hüter nickte zwei Mal mit dem Kopfe, kurz und abgemessen, drehte die Augen erst rechts dann links und versank darauf wieder in seine alte Unbeweglichkeit, so dass Schwadronarius trotz allen Bemühungen ihm keine andere Antwort zu entlocken im Stande war. Ungeduldig ging er nach der Haustür, die einem Drucke seiner Hand nachgab und sich, nachdem sie ihn herausgelassen, hinter ihm sogleich von selbst wieder schloss.

Er kam nun auf die Strasse, an deren Ende er ein großes hölzernes Gebäude erblickte mit der Inschrift

THEATER.

Dort war aber weder Casse, noch Controlle, noch Garderobe, so dass er ohne Weiteres in einen leeren Saal trat und sich in einer Loge hinsetzte, in der sich Niemand befand. Plötzlich brannten siebzehntausend Gasflammen, wie durch Zauber angezündet. Da sah er in einer Loge des Amphietheaters ein Gliedermännchen, das zwei Mal in die Hände klatschte und rief: »Anfangen!«

Der Vorhang ging auf, und Schwadronarius sah an den Decorationen, den Anzügen, den Soffiten, dass ein ihm bekanntes Ballett »Die Liebe der Venus« gegeben wurde. Es begann mit einem von Tascgebjrevseb ausgeführten Pas de Trois; die Nymphen wurden von Mäusen, die Cyclopen von Rosskäfern dargestellt, die den berühmten Ambosstanz tanzten, mit welchem der erste Act endigte.

Schwadronarius tat, was Jeder an seiner Stelle getan haben würde; er ging hinaus, um frische Luft zu schöpfen und Erkundigungen enzuziehen. Als er auf den Markt kam, sah er das Gliedermännchen aus dem Amphietheater, welches die Gläser in einem großem Transparent wechselte; alsbald trat Mondlicht an die Stelle des Sonnenscheins.

Zur selben Zeit erblickte der Capellmeister einen Menschen, der auf ihn zukam, und dessen ganze Beschäftigung darin bestand, seine Lorgnette vor die Augen zu halten und sie dann wieder auf die Brust fallen zu lassen. Alle Bewegungen dieses Individuums schienen durch einen inneren Mechanismus geregelt zu werden.

»Hätten Sie wohl die Gewogenheit, mein Herr, mir zu sagen, in welcher Stadt ich mich befinde?«, fragte ihn Schwadronarius sehr höflich, Jener setzte aber seinen Weg fort ohne auch nur die mindeste Notiz von ihm zu nehmen.

Unser Reisender fand, dass die Einwohner dieser Stadt noch gewaltig in der Cultur zurück seien, und betrachtete nun die Gegenstände, die ihn umgaben, mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Der Marktplatz war mit einem Brunnen geschmückt, aber das Wasser, das aus demselben floss, war von Glas nachgemacht und drehte sich um sich selbst, wie das künstliche Wasser einer Tischuhr mit Federn, die einen Brunnen darstellt. Wagen fuhren vorrüber, jedoch nicht weiter als bis zu einer gewissen Stelle, wo sie umkehrten, wieder nach der entgegengesetzten Seite auch bis zu einer gewissen Stelle und so regelmäßig hin und her rollten.

Der Herr mit der Longrette ging in das Theater; Schwadronarius folgte ihm, weil er vermutete, dass der Zwischenact zu Ende sei. Dies Mal fand er alle Plätze besetzt. Elegante Damen ließen ihre Fächer spielen, Andere lächelten beständig, wieder Andere drehten abwechselnd den Kopf, rechts und links. Unter den Männern gähnten Einige, Andere legten den Kopf auf den Arm und schliefen, wieder Andere neigten sich zu ihren Nachbarn.

Das Seltsame bei Allem diesem bestand darin, dass Jeder stets dieselbe Bewegung machte und dieselbe Stellung fortwährend behauptete.

Das Gliedermännchen klatschte von Neuem in die Hände und der zweite Act bekann. Schwadronarius geriet in einen wunderbaren Zustand und schrieb mit folgenden Worten die empfangenden Eindrücke in seinem Tagebuche auf.

Ich ward im Geist entzückt und sah ein Weib, Das tanzte, ganz in Mousselin gekleidet, Mit Gold- und Silbersplittern reich besetzt; Es hatte Flügel an von Silberzindel Und eine Krone auf von Similor.

Vor jener Bühne unten waren Sitze Mit rotem Wollensammet überzogen Und auf den Sitzen thronten Händepaare, Die sonder Augen, Geist und Kunstsinn waren. Das erste Paar trag gelbe Handschuh zierlich. Das zweite Paar glich Menschenpfoten ganz. Das dritte war ein Paar von Krabbenscheeren, Das vierte Schlägel nur von Fleisch und Bein, Die anderen leere Flaschen oder Gläser.

Rings um die Bühne schwangen sich empor Entflammte Greisenherzen, Schreibefedern Und Weihrauchfässer. Unten waren auch Gar sonderbare unsichtbare Tiere; Das Erste schrie gerade wie ein Esel, Das Zweite weinte wie ein saugend Kalb, Das Dritte endlich brüllte wie ein Löwe, Der eine Cigarette raucht dazu.

Kaum war diese Vision — denn eine solche musste es sein — vorrüber, als Schwadronarius eine neue Tänzerin sah. Sie hatte einen Leib von Fichtenholz, Arme von Steinpappe und Beine von Kork.

Der Zuschauerraum füllte sich plötzlich mit Bärtigen und Schnurrbärtigen, welche einstimmig schrieen: »Brava! Vivar due Cachucha

Das Gliedermännchen in der Loge liess ein ›Brrrtt‹ hören, was so viel heissen sollte wie: »Sehr gut!«

Nun trat ein Tänzer auf, dessen ganzer Köprer aus Werg und Baumwolle gemacht war.

Dieser wurde kalt aufgenommen; als aber gleich darauf zwei Tänzer mit Springfedern in den Gliedern erschienen, da kannte der Enthusiasmus keine Grenze.

Das Gliedermännchen schwang sich, wie auf ein Pferd, auf den Rand seiner Loge und rief: »Wunderschön! Genau wie drunten!«

Gleich nachher leerte sich das Schauspielhaus, die Gasflammen erloschen, und als Schwadronarius auf die Strasse kam, war sie öde und verlassen.

»Ich gäbe meinen Titel als Neu-Gott darum«, sagte er, »wenn ich wüsste, wo ich bin und was die Uhr ist. Hätte ich nur Feuer, meine Cigarre anzuzünden; rauchen ist nachdenken.«

In diesem Augenblicke ging Jemand mit einer Laterne vorrüber. — Schwadronaius fragte, was es geschlagen habe; — keine Antwort. Nun wollte er die Cigarre anstecken, da sah er entsetzt, dass die Flamme in der Laterne keine wirkliche Flamme sei. —

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (10) — Kap. VIII: Physiologische Verkleidungen von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 699Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

VIII. Physiologische Verkleidungen.

Die Maske wird künftig die Wahrheit sein. Landesgesetz für die Redouten.

Die Larve ist dem Menschen gegeben worden, um seine Gedanken zu offenbaren. Tallerand.

Prospectus.

Schon vor längerer Zeit sagte ein begeisterter Redner: die Masken haben sich überlebt; den Harlekin zernagen die Würmer, den Hamlet bedeckt fingerhoch der Staub, die Saiten der Cither des Minnesängers zerfrisst der Grünspan. — Der Fasching ist seinem Ende nah. Man muss ihn auferwecken, aber ihn moralisch machen.

Was ist ein Maskenball?

Ein Pandämonium von Flitterstaat, eine Sündflut von Trachten, ein Wirbel von Tanz, Intrigue {hier in seiner Bedeutung als dramaturgischer Fachbegriff die ›sichtbare Seite der Ereignisse zeigend‹ gemeint}, Späßen und Langeweile.

Diese Sündflut zu stillen, diesen Wirbel zu dämpfen, dieses Chaos zu ordnen blieb unseren Tagen vorbehalten.

Es gibt keine Intriguen mehr; eben so wenig auf den Redouten {= Kostümball}, wie in den Lustspielen. Diese Lücke muss ausgefüllt werden.

Um das zu erreichen, beabsichtigt der Unterzeichnete, der Maskentracht eine neue Gestaltung zu geben und ihre moralische Würde zu verleihen.

Ehemals sagte man mit verstellter Stimme auf der Redoute zu einer anmutigen Tyrolerin oder Türkin: »Maske, ich kenne dich, du wohnst an der Pomeranzenstraßenecke, eine Treppe hoch, vorn heraus, bei dem Glaser, und heißest Hannchen Zwiebelmeier.«

Es bedurfte außerordentlichen Geistes, um diese Freuden des Maskenballes zu genießen; durch unsere neue Erfindung werden sie Jedem für ein Billiges zugängliches gemacht.

Durch unser System errät man nicht allein die Wohnung, sondern auch das Geschlecht, den Stand und den Character der einzelnen Maske und die Intrigue erhält dadurch eine psychologische Basis. Die Redoute wird zu einem vollständigen Kursus practischer Philosophie. Je mehr sich Jemand verkleidet, desto kenntlicher macht er sich. Meine Maskenanzüge sind doppeldeutig wie das menschliche Herz.

Die Neo-Maskerade wandelt einer bedenklichen Vergnügungen in einer Sittenschule um; ich helfe dadurch einem dringend gefühlten Bedürfnisse ab, und die Nachwelt wird mich noch segnen, weil ich vollständige philosophische Maskenanzüge für den billigen Mietpreis von 1 Rthlr. {= Reichstaler} 10 Silbergroschen bis zu 10 Rthlr. Per Abend liefere.

Schöne Künste und Gewürzkrämer. Parade und Zofe. Krieger und Bürger. Das Haupt in den Wolken, die Füße im Kot. Was sechszehn Ellen Seide decken.

Befleckte Anzüge werden nicht zurückgenommen. Jeder Abmieter ist für etwaige Beschädigungen verantwortlich.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist.

Die »Alien«-Filme, oder: Sabber bitte nicht alles voll, Schatzi

»Alien Anthology Box«Eintrag No. 697 — Von allen großen SF-Franchises gefallen mir die »Alien«-Filme am besten, trotz aller Macken (vor allem derer von Film 3 und 4). Nun habe ich die ausführlichen Zusatzmaterialien der BlueRay-Ausgabe von »Alien Anthology« genossen, was ein gelegener Anlass ist, meine alten Einträge aus der (leider immer noch kaputten) Film-Datenbank des SF-Netzwerkes aufzubrezeln.

Auch wenn die Filme als Klassiker der SF gelten und damit ihr Inhalt als bekannt vorausgesetzt werden darf, warne ich, dass ich im Folgenden beiläufig so manche überraschende Wendung verrate. — Allein schon, dass in allen vier Filmen Ripley die menschliche Protagonistin ist, gibt preis, wer den ersten Film überleben wird. Wer die Alien-Filme noch nicht kennt, dem rate ich, sich doch erst einmal die Filme zu gönnen, und erst dann diese meine bescheidene Liebeserklärung zu lesen.

Warum gefallen mir die »Alien«-Filme so dolle? — Darum:

  1. Abgesehen vom allgemein hohem Produktions-Niveau begeistert mich das SF-Design, so, wie das ›used future‹-Konzept beim ersten Mal und in Folge (mehr oder weniger) immer wieder gelungen umgesetzt wurde.
  2. Weil jeder der vier Filme durch das Spiel eines exzellenten Schauspieler-Ensembles geprägt wird. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass keiner der vier Flme auch nur eine einzige Fehlbesetzung zu beklagen hat (ja, ich finde, dass auch Wynona Ryder in Film 4 vorzüglich ihre Rolle ausfüllt).
  3. Weil jeder der vier Filme es wagt, seine jeweils eigentümliche Version des Kampfers gegen das Biest zu liefern; also, weil Varianz und nicht Einheits-Rezept die Reihe prägt.
  4. Und schließlich, weil das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt mein persönliches Movie-Lieblingsmonster ist.

Was den letzten Punkt angeht, könnte ich nun anheben zu einem ausgiebigen (und als eigenen Molochronik-Eintrag eigentlich schon lange ausstehenden) Verehrungs-Bekenntnis für das Schaffen von Hans Rudi Giger. Seine »Necronomicon«-Bildbände gehörten zu den ersten zehn Büchern, die ich mir als Teenager angeschafft habe. Damals, in der Hepberger Provinz hatte ich zwar noch keine Möglichkeit, den Film »Alien« zu sehen, aber aus SF-Filmlexikas der Stadtbibliothek und der Buchläden kannte ich Abbildungen vom Monster und von Giger-Kunst, und vom ersten Moment an, war ich diesen Kreationen mit Haut und Haar verfallen.

Man kann sich, denke ich, vorstellen, mit welcher Wucht Gigers Bildbände und meine empfängliche, jugendliche Phantasie zusammenprallten. Auch wenn ich zu einigen Aspekten seines Werkes auf Distanz bleibe (vor allem zu dem ganzen schwarzmagischen Okkultkram), bin ich immer noch davon überzeugt, dass er einer der visionärsten und bedeutendsten bildenden Künstler der letzten Jahrzehnte ist. Neben seinem untrüglichen Gespür dafür, zu veranschaulichen, wie beklemmend das Sein in der heutigen Welt sein kann (kosmisches Grauen!), beeindruckt mich seine erstaunliche Gabe, Grauseliges und Schönes miteinander zu verschmelzen (sehr oft, indem Dinge sexualisiert werden; Giger ist zweifelsohne einer der großen Erotomanen der Kunst), und nicht zuletzt entzückt mich sein desöfteren aufblitzender Humor, sei es in der bitteren Variante deiner »Todgeburtmaschinen«, sei es in satirischer Form, beispielsweise seinem Vorschlag, die Schweiz mit fünf Eisenbahn-Untertunnelung ein riesiges Pentagram einzubohren.

•••

»Alien«Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt So ist das mit den Meisterwerken: Wollte ich meine Lieblings-Szenen des Filmes anführen, könnte ich gleich den ganzen Film nacherzählen. Allein schon der Beginn, wenn das große Raumschiff Nostromo vom Bordcomputer gesteuert zum Leben erwacht, gehört zu meinen Höhepunkten der Kinogeschichte. Für mich ist und bleibt »Alien« der prägende Pionier in Sachen ›used future‹, auch wenn »Star Wars« die Ehre gebührt, dieses Konzept bei seinen Tatooine-Schauplätzen etwas früher präsentiert zu haben, (aber: das ›used future‹-Konzept gründet sich bei beiden Filmen auf dem Geschick des Set-Dekorateurs & Produktions-Designers Roger Christian, der es verstand, auf Industrie- und Flugzeug-Schrottplätzen Material für seine SF-Kulissen zusammen zu klauben). Filmgeschichtlich gesehen, ist »Alien« der erste Film, der ein mich vollends überzeugendes SF-Design bietet.

Der erste Teil ist ein finsteres Horror-Märchen, mit dem Weltall, einem fremdartigen Planten als finsteren Wald, und der Nostromo als Platzangst bereitendem düsteres Schloss. Die Mär beginnt ruhig und kühl, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer immer panischeren Count-Down-Hetze, und entlässt uns am Ende wieder zu den Klängen sanfter orchestraler Abspannmusik in den Cryo-Schlaf. Die Story ist freilich wenig mehr als ein ›Zehn kleine Jägermeister‹-Spiel, doch die Spannung zu der sich dieses im Verlauf aufschwingt, ist für mich heute noch vorbildlich.

Sehr fein finde ich die kleine Crew mit ihren unterschiedlichen Typen. Überzeugend prollige Gesellen hatschen mit Hawaihemd und Baseballkapp herum, und vor allem eine bürokratisch denkende (genauer: programmierte) Figur ist mit ihrer Kaltherzigkeit ein feines Neben-Monster.

Ich bevorzuge die ursprüngliche, etwas gemächlichere Fassung ohne die ›zum Ei verpuppen‹-Szenen der Quadrology-Edition. — Fazit: 10 von 10 Punkten.

•••

»Aliens«Aliens – Die Rückkehr Stimmungsvolle Menschen- und Kolonie-Architektur (die Verlade-Robots!, siehe Kampfmaschinen in »Matrix 2 & 3«), auch wenn die dicken Wummen ein wenig überzogen sind. Feines Alien-Design (nicht von, aber nach Giger), und das Groß-Puppenspiel der Alien-Queen ist meisterlich, trotzdem finde ich die Königin nicht vollends gelungen. Am meisten grummle ich, dass die Masse der Normal-Aliens der Faszinatationskraft des Monsters abträglich ist. Auch wenn das Konzept, dass sich in für sie fruchtbarer Umgebung die Aliens wie ein Insektenstaat organisieren und entsprechend vermehren, prinzipiell interessant ist, werden die Viecher in diesem Film über Gebühr zu Schießbudenfiguren degradiert. Aber dies ist der Äktschn-Kracher unter den Alien-Filmen und erfüllt diese Aufgabe geradezu perfekt. Kein Wunder, das James Cameron mit diesem Streifen Maßstäbe für große SF- und Baller-Flicks gesetzt hat, die seitdem nur selten wieder erreicht wurden.

Einige sehr dick aufgetragene Charaktere laufen herum, die aber durchwegs funktionieren (brillant zum Beispiel Bill Paxton als nervig-cooler Cowboy). Sehr feiner kleiner Schleimer-Bösewicht, und Lance Hendrickson gibt mit anrührenden Körpereinsatz einen äußerst überzeugenden Androiden. Die überlebende Newt ist wohl nicht nur für mich einer der wenigen Fälle, wo ein Kind in einem Äktschnfilm nicht nervt.

Der Extendet Cut ist stimmiger als die Kinofassung, und funktioniert als schräger Vietnam-Film. — Fazit: 9 von 10 Punkten.

•••

»Alien3«Alien3 Natürlich trauere ich darum, dass von den im Bonus-Matrial vorgestellten Plänen von Vincent Ward zu diesem Teil so wenig umgesetzt wurde. Wahrlich eine großartige Idee, Ripley und ein Alien auf einer aus Holz gemachten Sphäre mönchischer Technik-Verweigerer abstürzten, und das Monster als Inkarnation des Leibhaftigen unter den religiös Erhitzten wüten zu lassen, die daraufhin das Grundübel in der verdorbenen Frau vermuten. Übrig blieb nur, dass sich Ripley und eben wieder nur ein Alien in der Umgebung eines karg ausgerüsteten Gefängnisses für Schwerverbrecher wiederfinden, und dass diese ausnahmslos männlichen Gefangenen ihrer Hysterie mit einem spirituellem Reinheitsgelübte Herr zu werden trachten.

Film 3 präsentiert sich uns wieder als Kammerspiel, wie auch der erste Teil. Zwei leidenschaftliche Theaterschauspieler zeigen, wie man mit Kleinigkeiten Spannung in Dialoge bringt: ein Hoch auf das ›Pärchen‹ Sigorney Weaver und Charles Dance.

Der (zugegeben seltene) Humor liegt mir mehr als der in Teil 2. David Fincher beweist sein Talent bei diesem seinem Spielfilm-Debut bereits mit dem Anfang, der mit beunruhigenden Fragmenten die Ausgangssituation darstellt, und alle Hoffnungen, mit denen der zweite Film endete, zunichte macht. Überhaupt finde ich die düstere Konsequenz (viele beschreiben die Stimmung des Filmes als bedrückend nihilistisch) dieses Teils richtiggehend erfrischend. Dieser Alien-Film eignet sich vorzüglich für trübsinnige Tage, wenn man etwas braucht, in das man sich mit Depri-Laune reinkuscheln kann.

Dieser Film ist erstaunlich gut, wenn man zur Kenntnis nimmt, was für Probleme es bei der Produktion gab. Enttäuschend nur, dass die Schlussjagd sich etwas lang dahinzieht und das die Tricktechnik, mit der Alien umgesetzt wurde, in einigen Szenen sehr zu wünschen übrig lässt. — Fazit: 8 von 10 Punkten.

•••

»Alien Resurrection«Alien – Die Wiedergeburt Ich kann verstehen, dass sowohl viele Alien-Fans, als auch viele aus dem Kreise des ›gewöhnlichen‹ Publikums diesen bisher letzten Film der Reihe für mehr oder minder misslungen einstufen. Film 4 ist mit Abstand der hysterischste, der sich am weitesten vom ›Originalton‹ entfernt, und dessen Inszenierung zwischen Äktschn-, Humor- und Horror-Aspekten eine heikle Gratwanderung zusammenwackelt.

Interessanterweise lassen sich einige Sequenzen des Filmes als Selbstbespiegelung von Franchise-Ausbeuterei und überdrehter Alien-Begeisterung lesen: Skrupellose Wissenschaftler (Symbol für Filmproduzenten und Franchise-Spin Doktoren) sind dabei, Aliens zu züchten, und versuchen sie zu zähmen. Einer der Wissenschaftler ist geradezu vernarrt in die Monster und gibt sich ein zärtlich-neckisches Mimik-Duell (grandios dargebracht von Brad Dourif). — Ripley wird von Entsetzten überwältigt, als sie ein Kabinett mit misslungenen Mensch/Alien-Klon-Mischlingen entdeckt (Symbol für: enttäuschte Fans, die nicht ertragen, was aus ihrem geliebten Monster-Franchise gemacht wurde), und einem besonders erbärmlichen Exemplar verpasst die den ›gnädigen‹ Flammentod (eigentlich ziemlich ›ungnädig‹, denn Verbrennen ist recht grauselig; sie hätte dem armen Klon besser erstmal eine Kugel in den Kopf jagen sollen). — Unschuldige Menschen (Symbol für: Alien-Fans, die nicht anders können, als sich einen neuen Alien-Film angucken wollen zu müssen) werden als Versuchskaninchen missbraucht und finden sich über Alien-Eiern fixiert, damit die frischschlüpfenden Face Hugger gleich einen Wirtskörper haben.

Ich kann mir nicht helfen und finde diesen Teil trotz all seiner Unzulänglichkeiten ziemlich unterhaltsam. Genial zum Beispiel die Idee eines guten Untergrund-Androiden (menschlicher als die Menschen) und der drastisch erbärmlichen Klonkreuzung »Ripley 8«. Ich liebe auch den Stationskommandanten (ich sag nur Schuhe putzen), seinen Sicherheitschef und die Weltraum-Piraten. — Meine Lieblingsvignette spielt in der Kantine, wenn die Piraten beim Fernsehgucken Zeit totschlagen und Wynona Ryder versucht, mit Boxhandschuhen aus einer Blechtasse zu trinken.

Der ganz große Flop des Filmes ist mit Abstand das peinlich-behämmerte Design der menschlichen Äuglein in Totenkopfeinfassung für die neue Alien-Brut. Diese neue Alien-Züchtung ist schlicht ein Griff ins Klo. Da hilft der peinsame Abgang des Viehs auch nicht mehr viel. — Fazit: 7 von 10 Punkten.

•••••

10 + + + + + Maßstabsetztendes Meisterwerk; Olympisch. 09 + + + + Überwiegend exzellent; Packend. 08 + + + Bemerkenswert mit leichten Schwächen; Anregend. 07 + + Befriedigendes Handwerk; Kurzweilig. 06 + Unterhaltsam mittelprächtig; Akzeptabel. Unsichtbare Grenze der absoluten Mittelmäßigkeiten 05 - Brauchbar mittelprächtig; ganz nett, aber insgesamt lau. 04 - - Überwiegend mittelprächtig; Anstrengend bzw. langweilig. 03 - - - Bis auf wenige Momente daneben gegangen; Nervig. 02 - - - - Ziemlich übeles Machwerk; Zeitverschwendung. 01 - - - - - Grottenschlechtes übles Ärgernis; Pathologisch.

»Eine andere Welt« (9) — Kap. VII: Verkleidete Charaktere von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 693Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

VII. Verkleidete Charactere oder Verkleidungen von Characteren.

Tu' die Maske vor und ich will Dir sagen, wer Du bist. Sprüche Neronis.

Alle Tiere sind mehr oder minder verkleidete Menschen und alle Menschen mehr oder minder verkleidete Tiere. Der kleine Unbekannte.

Verkleidung eines deutschen Perfectum in das Griechische; Doctor Puff erfindet die Philosophie der Verkleidung als Fortsetzung der Philosophie der Geschichte. — Entwicklung dieser von Gas erhellten Theorie.

Puff wollte den ersten Teil von Krack's Manuscript zu Ende lesen und setzte daher seine Lectüre fort.

»… amüsiert, doch fing das Bedürfnis nach einiger Ruhe an sich in mir zu regen. Ich wollte mich eben nach einem Hotel erkundigen, wo ich ein behagliches Zimmer und ein gutes Bett fände, da hörte ich einige Maikäfer davon sprechen, sich nach einem anderen Maskenball in der Nähe zu begeben, die unterseeische Aristokratie kennen zu lernen; die Neugier gab mir neue Kräfte und ich schloss mich jenen an.

Der Türsteher, ein alter Hai, betrachtete mich mit Bewunderung und ließ mich durch, ohne mir eine Eintrittskarte abzufordern. Stolz auf diesen Erfolg trat ich mit vornehmer Haltung ein; es bildeten sich alsbald zahlreiche Gruppen um mich und die Menge drängte sich hinzu, um meine Züge und mein Wesen zu beschauen. Ich machte offenbar Aufsehen. Das setzte mich nun eben nicht in Erstaunen, aber ein anderes Ding überraschte mich und war mir ein seltsames Rätsel. Hatte ich Menschen als Tiere oder Tiere als Menschen maskiert vor mir? Erst gegen das Ende des Balls kam ich darüber in das Klare, als ich eine Wasserratte die Larve abnehmen sah, um ein Glas Maraschino-Eis zu verzehren.

Die Aristokratie hatte nämlich das Princip der Verkleidung modificiert und, statt die Physiognomien anderer Tiere zu benutzen, menschliche Gesichter zu Masken genommen. Nun wußte ich, wehalb ich so großes Glück gemacht; man hielt mich für ein Tier und bewunderte daher die Genauigkeit meiner Verkleidung. Eine zudringliche Eidechse bat mich sogar, ihr die Adresse meines Lieferanten zu geben.

Als ich eintrat, war der Ball sehr belebt. Der in Krystall gehauene Saal hallte wieder von den Sprüngen der Tänzer und der gläserne Fußboden zitterte jeden Augenblick. Elephanten-Sylphen, Bajazzo-Käfer, Bären, Windhunde, Ziehenböcke, Geier gaben sich den Freuden des Tanzes mit solchem Eifer hin, dass die Grotte fortwährend krachte, wie das Verdeck eines scheiternden Schiffes. Das Gedränge und der Lärm wurde aber so stark, dass ich es für geraten hielt, zu gehen und mir Stock und Pfeife in der Garderobe wiedergeben ließ.

Es fehlt mir an der Zeit, meine Betrachtungen zu ordnern, doch kann ich folgende Bemerkungen nicht unterdrücken: Gibt es Menschen in diesen neu entdeckten Reichen, oder haben sich die Tiere jene Masken nur in Folge des Unterganges eines Schiffes verschafft? — Zwiefache Frage, die ich einigen Akademien vorzulegen Willens bin.«


Ziehen wir jetzt dem Präteritum Heureka die griechische Hülle ab und suchen wir Rechenschaft zu geben von den Beweggründen, welche Puff zu dem ehrgeizigen Ausruf veranlassten: »Ich hab's gefunden!«

Puff hatte Krack's Manuscript aufmerksam durchgelesen und sich überzeugt, dass während des Carnevals die Thorheit der Tiere der Thorheit der Menschen nicht nachstehe. Aufmerksam betrachtete er die Zeichnungen, die sein Mit-Gott als Urkundenbuch beigelegt, und sand nun Folgendes.

Er überzeugte sich nämlich, dass der Mensch moralisch den Tieren, deren Abbildungen vor ihm lagen, gleicht.

»Der Mensch«, sagte er zu sich, »hält sich stets für eine Einheit und ist immer eine Zweiheit, seine Physiognomie und sein Character führen beständig Krieg mit einander. Ich will diesen Kampf benutzen, um dem Fasching eine neue Außenseite zu geben.«

Am nächsten Tage hing folgendes Schild über einem Magazin von Maskenanzügen.

Zur selben Zeit ließ er folgenden Prospectus in der ganzen Stadt verteilen.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (8) – Kap. VI: Krack’s von Krackenheim Manuscript von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 690Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

VI. Krack’s von Krackenheim Manuscript.

Erstes Capitel.

Sitten. — Bevölkerung. — Gesetzte. — Allgemeine Betrachtungen.

»Ich kann nicht genau bestimmen, wie lange mein Untertauchen währte, da es bedenklich war, meinen Chronometer, wenn auch nur auf Augenblicke, dem Einfluss der Salzflut auszusetzen; irre ich nicht, so dauerte meine perpendiculare {= senkrechte} Flutfahrt drei Tage, denn ich hatte sehr mit dem Zwischenströmungen zu kämpfen und ein Zug Heringe sperrte mir lange den Weg. Nach vielen mühseligen Anstrengungen gelang es mir endlich, ihn zu durchbrechen, und ich ruhte nun auf einer Austerbank aus, wo ich frühstückte. Dann setzte ich mit frischen Kräften meine Flutfahrt fort und befand mich, als ich am Morgen des dritten Tages meine Berechnungen und Messungen anstellte, fünftausend Fuss tief unter der untersten Schwimmschicht der Walfische. Hier landete ich gleichsam auf einer Bank von feinem Sande und stellte meine in Unordnung geratene Toilette wieder her. Große Mühe machte mir meine Frisur, in der sich unzählige noch unbeschriebene Mollusken und viele den überflutlichen Naturforschern noch gänzlich unbekannte Muschelarten, die ich in einem besonderen Werke mit illuminierten Abbildungen zu beschreiben gedenke, festgesetzt hatten. Kaum war ich damit im Reinen, als ich auch schon eine große Menge von Bewohnern dieser hydrogenen Regionen um mich versammelte und mich mit seltsamen Grimassen zu meiner nicht geringen Verwunderung begrüßte. Später erfuhr ich, dass das Meer gerade seinen Fasching feiere und dass die Maskenfreiheit dieses eben nicht sehr artige Benehmen gestatte.

So viel ich mich bis jetzt zu überzeugen im Stande war, ist der Meerboden bevölkern, wie der Erdboden; die Symbolik des Mythos der Nereiden liess das schon lange ahnen. — Götter gibt es jedoch nicht mehr ihm Ocean. Proteus hat, zufolge eines Auszuges aus dem Kirchenbuche von Ichthyopolis, dem ehemaligen Fischanz, bereits am 31. Poseideon der letzten Olympiade alten Stils das Zeitliche gesegnet, und Thetis ist vor Alter kindisch geworden. Nur aus ehelicher Treue allein findet sich Helios bewogen, täglich nach seiner Ausfahrt zu ihr zurückzukehren und das feuchte Lager mit ihr zu teilen, was seinem Character als Ehemann große Ehre macht.

Die Sitten der unterseeischen Völker scheinen mir sehr sanft zu sein. Selten erhebt sich ein Streit unter ihnen. Meiner Ansicht nach hat ihre Religion große Ähnlichkeit mit dem Neo-Paganismus, doch habe ich unter ihnen Fische mit Bischofsmützen bemerkt. Eine Bande Musikanten, die auf Seemuscheln bliesen, unterbrach mich plötzlich in meinen Beobachtungen, da sie die Luft mit ihren Tönen erschütterten. Sie befanden sich an der Spitze eines ungeheueren Zuges, der sich bei mir vorüber bewegte; es war das Geleite des Fastnachtsochsen, von dem ich hier eine Abbildung beilege. Sein Gefolge war höchst geschmackvoll angeordnet und befand aus verkleideten Tieren, welche die für den Menschen leckersten Schüsseln aus ihrem Reiche darstellten. Der Ochse selbst kam von den Weidenplätzen des alten Nereus, des ehemaligen Viehmästers der Herden des Neptun. Folgendes Programm ward dazu ausgegeben.«

Programm.

In Erwägung der Schwere des Festochsen werden alle Straßen, durch die der Zug geht, dreifach gepflastert sein.

Der Fastnachtochse nimmt seinen Zug von dem Suppenmarkte nach der Austernstraße, von da durch die Rotweingasse und die Weißweingasse nach der Champangnerstraße; Halt wird gemacht auf den Puddingplatze, vor dem Würstchenschlosse und vor dem Hause des Präsidenten der Kochkunst, Excellenz, Großkreuz des Hausordens u. f. w.

Herr Cervelat, einer der ausgezeichneten unterseeischen Mäster, der zum zwanzigsten Male diesen Zug leitet, ist darauf bedacht gewesen, ihn diesen Fasching ganz besonders auszuschmücken. Der Siegeswagen, in welchem er seinem Zögling folgt, ist ganz mit Perlenmutter ausgelegt. Der Gott Romus sitzt auf dem Bock, Neptun und Amphitrite Herren Cervelat gegenüber und Najaden und Tritonen umgeben das Fuhrwerk.

Diejenigen geehrten Feinschmecker, welche ein Beefsteak von dem Festnachtsochsen zu haben wünschen, werden gehorsamst ersucht, sich eigenhändig in den Listen einzuzeichnen, welche bei dem Restaurator Herrn Lendenbraten ausgelegt sind, woselbst auch täglich von 7 Uhr Morgens bis Mitternacht delicate frische feine Hirnwurst mit Trüffeln zu haben sind.

Anordnung des Zuges.

Der Zug verlässt die reichen Magazine des Herrn Kochgut, um sich zu den unterseeischen erwählten Magistratspersonen zu begeben. Die Stopfer, Nudler, Mäster, Züchter, Führer, Käufer, Vorleger, Esser u. f. w. Abgerechnet: besteht aus folgenden Mitgliedern:

1. Fasanierter Hase. 5. Bekrümelte Ente. 9. Kapauniertes Wildschwein.
2. Umgefischte Gans. 6. Gehechtete Kriechente. 10. Gebratener Schwein-Truthahn.
3. Gelachster Hummer. 7. Turtel-Schnecke. 11. Ente mit Oliven.
4. Rebhuhn mit Krebsschwanz. 8. Gebackener Frosch. 12. Reh mit Hahnenkamm.

»Da auf der Erde Tag war, so erhellen hier unten Fackeln den Zug. Bei sinkender Nacht begann die Morgenröte zu erscheinen und nun eilte alles auf den Ball, welcher in einer azurnen Grotte mit Perlmuttermauern statt fand, deren von den zurückgeworfenen Strahlen der Sonne beschienene Stalactiten wie goldene Kronleuchter glänzten. Die Tiere trugen eben so einfache wie geschmackvolle und malerische Maskenanzüge. Ein junges sehr zartes Lamm eröffnete den Ball mit einer schon etwas altlichen Frau Panther; dieses Paar, das kaum auf den Pfotenspitzen walze, fesselte ziemlich lange meine Blicke. Dann werde ein reizender Contretanz von Affen und Affeninnen, die wie Windspiele frisiert waren, aufgeführt und diesem folgte eine Menuet voll Anmut und Bescheidenheit.

Ein Fuchs tat sehr schön mit einer Henne und ein kokettes Rebhuhn wußte trefflich einen von seinen Reizen hingerissenen Wachtelhund zu beschäftigen. In einem nicht sehr erleuchteten Seitengage machte ein Bär einer Scholle den Hof und bot ihr seine Equipage an, um sie nach Hause zu begleiten; ein Hahn verfolgte eine Löwin so heftig mit seinen Liebesanträgen, dass sie sich kaum zu retten wusste, und eine Gazelle schleifte einen jungen Tiger, ihren Geliebten, den sie bei einem Stelldichein mit einem Windspiel von der Oper überrascht hatte, an den Haaren fort. Überall herrschten Freude, Lust, Scherz und Lebendigkeit.

Ein allgemeines Lärmen verkündete das Ende des Maskenballs die feineren Besucher waren schon lange fort. Viele schliefen, Andere schwatzten, Viele waren unwohl; man hätte glauben sollen, auf der Erde zu sein. Den Bechluss machte ein Charactertanz, den ein junger Enterich mit einer jungen Ohreule aufführte und welchem der schon bejahrte Gatte der Letzteren, wenn es nicht ihr Vater war, was auch möglich ist, gravitätisch zusah. Nie habe ich mich so sehr …«

Hier unterbrach sich Puff plötzlich im Lesen und rief: »Heureka!« …

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (7) – Kap. V: Der Fasching in der Flasche von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 684Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

V. Der Fasching in der Flasche.

Alles ist in Allem. Axiom eines Hegelinaers.

Die Unendlichkeit des Meeres gefällt der Unendlichkeit des Gedankens. Staberle.

Die Kutte macht den Mönch. Aus dem Vighmara Redasastra.

Man wird die Notwendigkeit dieses Kapitels erst später einsehen, jedoch den Keim der Philosophie der Verkleidung, welche die Fortsetzung der Philosophie der Geschichte bildet, jetzt schon darin entdecken.

Puff war zu sehr Neugott, um nicht zu wissen, dass sich Nichts leichter abnutzt als der Erfolg; daher sann er auch schon darauf, etwas Neues zu erfinden, das seine gegossenen Musikanten vorteilhaft ersetzen könnte. Von tausend verschiedenartigen Ideen durchkreuzt, wandelte er am Strande des Mittelmeeres einher und fühlte in seinem Gehirne — der freundliche Leser gestatte uns die Metapher — die Flut und Ebe wechseln, die er zu seinen Füssen erblickte. Siehe da! Plötzlich trugen die schaumgekrönten Wogen, die Jungfrauen mit dem weissen Perlenschleier, eine Flasche auf ihren siegreichen Armen daher, die einem armen Gefangenen glich, der sich der Wut der Feinde preisgegeben sieht, und ihn um Hülfe anzuflehen schien. Der Doctor war menschlich genug, um in diesem Augenblicke zu bedauern, dass er kein Wasserhund sei, seo ein tüchtiger Neufoundländer nämlich. Die Flasche fuhr indessen fort, ein Notsignal nach dem anderen zu geben. Glücklicher Weise ward sie von einer starken Welle gepackt und auf den Strand geschleudert.

Als er sich nun der Schiffbrüchigen näherte, um ihr seine Hülfe angedeihen zu lassen, die ihr Zustand erforderlich machte, las Puff zu seiner eigenen Überraschung folgende Etikette, welche die Ohnmächtige auf ihrem Herzen trug.

Ich ersuche jeden, der mich auffischt, mich baldmöglichst an folgende Adresse gelangen zu lassen.

Sr. Hochwohlgebohren

Herrn Dr Puff, Neugott.

Franco. Zerbrechlich.

Überall.

Krack's Andenken und die Erinnerungen an seine unterseeischen Versprechungen stiegen jetzt vor der Seele seines Kollegen auf. Er nahm die Flasche in die Arme und eilte nach Hause unter den Ausrufungen:

»Ist es möglich! Kann ich meinen Augen trauen! Er ist es! Der Teuere, schmerzlich Vermisste!«, und was dergleichen Redensarten mehr sind, deren man sich bedient, wenn man tun will als zweifelte man an einer ausgemachten Sache.

Es war möglich! Er war es, der schmerzlich Vermisste; Puff durfte seinen Augen trauen; es war Krack, der seinem Freunde eine unterseeische Depesche sandte. In einer Kapsel, die an der Flasche befestigt war, befand sich ein Manuskript, das wir uns bemühen wollen, dem ungeduldigen Leser zu entziffern und vorzulegen, denn wir können uns denken, mit welchem Heißhunger derselbe eine Nachricht von seinem alten Bekannten, dem Rittmeister, Ritter vieler hoher Orden, Professor der Reit-, Fecht-, Schwimm-, Turn- und Tanzkunst, Krack von Krackenheim, Krackmandelscher Linie auf und zu Krackendorf erwartet.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

»Eine andere Welt« (6) – Kap. IV: Die Erde in der Vogelperspektive von Grandville & Plinius dem Jüngsten

Eintrag No. 679Zur Inhaltsübersicht.

Die Illustrationen einer alten französischen Ausgabe habe ich dem flick-Album von blaque jaques entnommen.

IV. Die Erde in der Vogelperspektive.

Gott! Wie klein sind die Menschen! Altes Volkslied.

Schwadronarius, Neugott und Aerostograph, beurteilt die Menschen aus der Vogelperspective und empfindet dieses Herzeleid 6000 Fuß hoch über dem Niveau des Straßenpflasters.

Die schönste Verwünschungen des Altertums halten keinen Vergleich aus mit der gedankenreichen Anrede, welche Schwadronarius' Munde entströmte, als er die Erde verließ. Die Schnelligkeit seines Aufsteigens fand nur in der Schnelligkeit seiner Worte einen würdigen Nebenbuhler. Die Gegenstände, welche seine Blicke trafen, dienten allein dazu, die Flut seiner lyrischen Improvisation zu vermehren. Über einer Reitbahn ließ er den Ballon anhalten, aber nicht um den Raum, den er durchschnitten, zu messen, sondern nur um gegen die Menschen im Allgemeinen und die Kunstreiter im Besonderen neue Redensarten zu schleudern.

»Das sind Menschen, die ihr Leben damit verbringen, Wendungen und Verrenkungen auf der Croupe eines Pferdes zu machen; Frauen, die ihren Ruhm darin suchen, durch einen mit Ölpapier beklebten Reif zu springen und in fleischfarbenen Tricots und flatternden kurzen Gewändern ihre Künste hoch zu Ross zu producieren, Alles nach den Worten: ›Hupp! Hupp! Hupp!‹, oder ›Hopp! Hopp! Hopp!‹ mit Begleitung von türkischer Musik.«

Kaum war er damit fertig, so trieb ein Windstoß seinen Ballon nach der linken Seite und Schwadronarius schwebte jetzt über der Terrasse eines Gartens, dessen Bezeichnung sehr viele, mehr oder minder interessante Romane enthalten. Ein Jüngling und eine Jungfrau plauderten miteinander auf dieser Terrasse sehr leise, dicht aneinander sich drängend. Unten schlich ein Mann, Vater, Oheim oder Vormund vorsichtig auf dem Fußsteige längs der Gartenmauer näher. Schwadronarius lächelte über die vergeblichen Anstrengungen, die er ihn machen sah, um sie zu überraschen, als er plötzlich gerade in dem Augenblicke, wo die Jungfrau dem Jüngling den Scheidefuß zu geben im Begriff stand, in der Ersteren sein Bäschen Gertrude erkannte, für die er die zärtlichsten Liebeslieder in Musik gesetzt und ihr gewidmet hatte. Da begriff er zum ersten Mal, dass ein Gott lieben und leiden könne, wie ein gemeiner Schäfer. Nun hätte er gern seinem Rächer beigestanden und gesehen, wie dessen Zorn und Regenschirm den verhassten Nebenbuhler traf, aber er fühlte zu sehr das Bedürfnis, seine neue Würde zu retten, und stieg daher majestätisch wieder empor.

Unserem göttlichen Aeronauten bot sich, als er so hoch über den Straßen, den Häusern und Vorstädten dahinschwebte, noch manches Schauspiel zwar umsonst, aber nicht eben ergetzlich dar. Unwillkürlich richtete er den Blick auf ein Ballet unter offenem Himmel, das einige junge Savoyarden und einige alte Pudel aufführten.

»Unglückliche Kinder! Unglückliche Hunde!«, rief er. »Dazu verwendet der Mensch Eure Jugend, Eure Anmut, Eure Frische! Unschuld, Alter, Hunde, Alles macht er seinem Vergnügen dienstbar. Wahrlich, ich werde mich nicht mehr um ihn kümmern!«

Dieser Entschluss hinderte ihn jedoch nicht, eine vorübergehende Amsel zu fragen, was sie von den Menschen halte.

»Der Mensch«, pfiff die Amsel, »ist ein plattes Wesen. Er verabscheut uns und beneidet uns sein ganzes Leben hindurch um die Fähigkeit, zu fliegen. Endlich stirbt er aus Verdruss darüber, dass die Flügel, die er sich macht, an der Sonne schmelzen. Das ist meine Meinung über den Menschen.«

Schwadronarius tat nun dieselbe Frage an den Kranich.

»Der Mensch«, entgegnete der Kranich, »ist ein sehr plattes Wesen. Er versucht vergebens, uns nachzuahmen. Auf Locomotiven strebt er uns einzuholen und ist eifersüchtig, dass unsere Flügel uns weiter tragen als ihn seine Eisenbahnen.«

Eine Lerche sang ihm auf dieselbe Frage folgende Antwort:

»Der Mensch ist ein außerordentliches plattes Wesen. Die Vortrefflichkeit meines Gesanges bringt ihn zur Verzweiflung. Er versuche es einmal, wie ich einen Triller im Aufsteigen zu schlagen, seine Töne zwischen Himmel und Erde erschallen zu lassen und ein Solo, umgeben von den Strahlen der aufgehenden Sonne, zu singen. Der Mensch ist neidisch und ohne Fähigkeiten. Das ist meine Meinung.«

Eine junge Nachtigall flötete ihm dieselbe Ansicht über den Menschen zu.

»Die Vögel haben Recht«, sagte Schwadronarius, »ich teile ganz ihre erhabene Ansicht und habe die Plattheit des Menschen nie besser begriffen als jetzt.« Nachdem er diesen Gedanken in sein Album geschrieben, beschloss er ihn dem ersten Zugvogel mitzuteilen, der ihm begegnen würde. Eine wilde Ente, die nach Europa flog, um sich dort von einer Leberkrankheit kurieren zu lassen, war so gefällig, das Blatt mitzunehmen.

Schwadronarius schwebte gerade über Paris und gewahrte tief unten auf dem Vendomeplatze die Napoleonssäule.

»Ich sehe«, fuhr er fort, »dieses großartige Denkmal menschlichen Ruhmes. Kutscher und Wasserträger, Herzoginnen und Hökerinnen {= herumziehende Händlerin}, vornehme Herren und gemeines Volk, kurz alle Welt umkreist das Monument; zwischen der hundert Fuss hohen Säule und den Menschen sehe ich keinen Unterschied; sie scheinen mir sämmtlich gleich hoch zu sein. — Von dem Gesichtspunkte aus, auf dem ich mich befinde, ist der Ruhm gleich dem Nichts.«

Befriedigt von dieser Definition schwang sich Schwadronarius wieder zur Sonne empor.

Als seine Blicke zum letzten Mal auf der Erde ruhten, sah er das Pflaster des Boulevard von Fiakern {= zweispännige Pferdekutsche}, Kutschen und Wagen voll Masken überschwemmt. Ein verwirrtes misstöniges Geschrei drang bis zu ihm. Er wollte sich von diesem für das Auge eines Philosophen so traurigen Scenen entfernen, aber eine Windstille hielt seinen Ballon fest. Diese Zeit benutzte er, um sein Tagebuch zu schreiben, hielt es jedoch für passend, seinem Obergott die Geschichte mit Gertrude zu verschweigen. Wir verdanken diese Episode der Schwatzhaftigkeit eines Hänftlings; sie beweist, dass Alles, selbst von oben gesehen, seine Nachtseite haben kann.

••••• Flattrn Sie diesen Eintrag, wenn Sie der Meinung sind, dass er etwas wert ist. 

Sie sind nicht angemeldet